Nachhaltigkeit Welche Botschaft die Kunstwerke auf dem Tollwood vermitteln

Das Tollwood startet in diesem Jahr am Mittwoch, 26. Juni.

(Foto: Robert Haas)

Ein Looping aus 200 Einkaufwagen, Konsumtempel oder eine "Wohnmaschine": Die Festival-Besucher sollen nicht nur Staunen, sondern einen Anstoß zur Veränderung bekommen.

Von Hanna Emunds

Jeder Deutsche verbraucht pro Jahr im Schnitt 34 Coffee-to-Go-Becher - das klingt erst einmal nicht viel, macht auf das ganze Land bezogen aber 2,8 Milliarden Behälter und Deckel im Jahr. Stellt man die aufeinander, entsteht ein 300 000 Kilometer hoher Turm.

Ganz so mächtig ist das Kunstwerk im Eingangsbereich des Tollwood zwar nicht - es misst vom Boden zur Spitze acht Meter - dafür soll es auf große Probleme wie die kleinen Pappbecher aufmerksam machen. Der Künstler Adam Stubley, der seit mehr als einem Jahrzehnt Werke für das Tollwood entwirft, hat einen Looping aus 200 Einkaufswagen errichtet. Die Botschaft von "The Loop" ist so deutlich wie simpel: Wir kaufen zu viel und schmeißen zu viel weg. Oder: Weniger ist mehr.

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Direkt gegenüber von "The Loop", am Fuß des Olympiabergs, erhebt sich ein weiteres Werk des Künstlers vom Ammersee in den Himmel. Das "Lebensrad", aufgebaut aus diversen Konsumgütern. Im Buddhismus fungiert es als eine Art Spiegel, in dem der Mensch sich selbst erkennen kann. Gleichzeitig dient es auch als Appell, sein Leben zu ändern. Adam Stubley erweitert diese Idee um den Aspekt des Konsums: Die Besucher sollen ihr Kaufverhalten im Lebensrad widergespiegelt sehen und einen Anstoß zur Veränderung bekommen.

Dass Konsum in unserer Gesellschaft zu einer Art Ersatzreligion geworden ist, will Thorsten Mühlbach in seinem "Konsumtempel" mitten auf dem Festivalgelände zeigen. Hier kann man - eine Ausname auf dem "Markt der Ideen" - nichts kaufen. Im Inneren leuchtet dafür ein Altar, der "Gottheit Konsum" gewidmet. Geschmückt ist er mit kurzlebigen Alltagswaren. Hier finden sich neben dem Coffee-to-Go-Bechern auch Handys oder Fast Fashion wieder.

Wie wollen wir in Zukunft leben? Vielleicht besser: Wie sollen wir in Zukunft leben? Eine weitere Frage, derer sich die Tollwood-Künstler annehmen. Wohnraum ist für viele kaum noch bezahlbar, besonders in den Ballungsräumen. Dass eine Mietpreisbremse allein keine Lösung darstellt, glaubt der Architekt Van Bo Le-Mentzel. Seine Vision: Unsere Art zu bauen und zu wohnen muss sich grundlegend verändern, und das muss nicht teuer sein. Etwa 300 Euro soll seine "Wohnmaschine", mit der er dieses Jahr das Tollwood besucht, im Monat kosten. Hinter der Fassade des "Tiny House", die dem Werkstattflügel des Bauhaus Dessau nachempfunden ist, findet sich auf 15 Quadratmetern von Küche bis Badezimmer alles, was man zum Leben braucht. Was heute ein Internet-Renner ist, hieß früher "Wohnwagen".

Auch abseits der künstlerischen Hauptattraktionen sollte man beim Rundgang übers Gelände die Augen offen halten. Auf dem Kassenhäuschen etwa findet man die Street-Art der Künstlerin Artemisia. Den Geländezaun, von dem aus sich Vögel in den Himmel schwingen, hat Andrey von Schlippe gestaltet. Alle Kunstwerke sind das ganze Festival lang zu bestaunen.

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