Es ist eine Kirche, die keine Kirche ist und die zur Hälfte in dem Müllhügel versinkt, der sich hinter der Autobahn gegenüber der Allianz-Arena erhebt: Mit der 1:1-Kopie von Münchens ältestem Sakralbau hat Timm Ulrichs eines der bemerkenswertesten Großkunstwerke der Landeshauptstadt geschaffen.
Der Betonnachbau der katholischen Kirche Heilig Kreuz, die einst den Mittelpunkt des Dorfs Fröttmaning bildete, entstand von 2004 bis 2006, nachdem sich der 1940 in Berlin geborene Künstler in einem Wettbewerb gegen ein Dutzend Kollegen durchgesetzt hatte. Das Werk, das als „Versunkenes Dorf“ tituliert ist, nutzt das Motiv des Doppelgängers und thematisiert die Zerstörung des Ortes, den es ursprünglich an dieser Stelle gab.
Erst benötigte die Autobahn Platz, dann die Mülldeponie. Von dem, was einst Fröttmaning bildete, steht nur noch die Kirche, die 815 erstmals urkundlich erwähnt wurde – und das auch nur, weil sich Initiativen immer wieder dafür einsetzten, dem Fortschritt und dem Wachstum nicht alles zu opfern. Die Historie dieses Ortes bewegte Timm Ulrichs zu der Kirchenkopie – obwohl er Religiösem sonst abwehrend begegnete.

„Ich glaube an ein Leben vor dem Tod“, hat er gerne gesagt. Als die evangelische Kirche 2017 das 500. Reformationsjubiläum mit dem Slogan „Am Anfang war das Wort“ bewarb, stellte er dem seine eigene Version entgegen: „Am Anfang war das Wort am“. Den Studenten, die er von 1972 bis 2005 an der Kunstakademie Münster unterrichtete, bot er Silberlinge, wenn sie aus der Kirche austraten.
Timm Ulrichs selbst hatte an der Technischen Hochschule Hannover bis zum Vordiplom Architektur studiert. Als Künstler wollte er sich nicht festlegen und nie festlegen lassen. Er bezeichnete sich als „Totalkünstler“ – „und das schon, bevor ich überhaupt irgendetwas geschaffen hatte“, wie er in einem Interview einmal gesagt hat. Später benutzte er auch gerne die Bezeichnung „Universaldilettant“.
Weil er mit Galeristen nicht warm wurde, gründete er 1959 seine eigene „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“, über die er seine gedruckten Werke vertrieb. Auf sein rechtes Augenlid ließ er sich die Worte „The End“ tätowieren. 1961 erklärte er sich selbst zum „ersten lebenden Kunstwerk“ – und stellte sich später in einem Glaskasten aus.

Mit einer fünf Meter langen Metallstange auf den Rücken geschnallt, lief er nackt als „menschlicher Blitzableiter“ bei Gewitter über ein Feld. Seinen Schädel nutzte er als Vorlage, um mit Beton-Abgüssen daraus ein „Kopfsteinpflaster“ im wahrsten Sinne des Wortes zu schaffen. Früh gestaltete er auch einen Grabstein für sich selbst. Dessen Inschrift: „Denkt immer daran, mich zu vergessen.“
Mit dem kommerziellen Eifer anderer bekannter Künstler haderte Ulrichs. Wenn man bloß einen Werkstoff nennen müsse, um klarzumachen, wer Schöpfer oder Schöpferin sei, so sei das kein Zeichen von Neugier, so sein Vorwurf. Brille, Blindenstock, ein Schild mit der Aufschrift „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ um den Hals: So trat er 1975 auf der Messe Art Cologne auf, um diese Haltung vorzuführen.

Bei den Olympischen Spielen 1972 in München war Timm Ulrichs Teil der Spielstraße, die entlang des künstlichen Sees im Olympiagelände entstand. Sie sollte auch denjenigen, die sich keine Tickets für das Sportspektakel leisten konnten oder wollten, die Gelegenheit geben, sich von dem Spektakel inspirieren zu lassen.
Timm Ulrichs trat dort in einem riesigen Hamsterrad auf. Auf einem Schild stand: „Ich absolviere täglich einen Marathonlauf – ‚auf der Stelle tretend‘.“ Die Tretmühle traktierte er so ausdauernd, dass er sich dabei eine Verletzung zuzog. Weitergerannt ist er trotzdem, bis der Spaß nach 13 Tagen jäh endete. Nach dem Anschlag palästinensischer Terroristen auf die Mannschaft Israels verfügte Avery Brundage, der Chef des Internationalen Olympischen Komitees, zwar „The games must go on“ – die Spiele müssen weitergehen. Die Spielstraße aber, die musste enden.
Um die Jahrtausendwende errichtete Timm Ulrichs auf dem Platz gegenüber dem Münchner Luisengymnasium hölzerne Konstruktionen, mit denen im Winter Brunnen abgedeckt werden. Der Titel der Installation: „Die zweite Haut“. Skulpturale Größe und Wortwitz: Das Spektrum seines Schaffens blieb stets weit. Eine Schau im Kunstverein Hannover, die Werke aus den Jahren 1960 bis 2010 zeigte, trug den Titel: „Betreten der Ausstellung verboten!“
Am 29. April ist Timm Ulrichs im Alter von 86 Jahren gestorben. Das Münchner Lenbachhaus ruft ihm nach: „Mit feinem Humor und ästhetischer Präzision richtete er seinen kritischen Blick auf gesellschaftliches Handeln und ökologische Fragen – und übersetzte ihn in vielschichtige Kunst, die zum Nachdenken anregt.“ Eine Auswahl seiner Arbeiten ist dort aktuell in der Ausstellung „Was zu verschwinden droht, wird Bild. Mensch – Natur – Kunst“ zu sehen.

