Süddeutsche Zeitung

Stadtführung:Wo man den Teufel, Franz Beckenbauer und Napoleon gleichzeitig trifft

Lesezeit: 3 min

Eine Virtual-Reality-Tour zeigt das historische München aus neuer Perspektive. Eindrücklich kämpfen die Ritter auf dem Marienplatz und Ludwig II. flaniert durch seinen Wintergarten - wenn nur das viele Bier nicht wäre.

Von Franz Kotteder

Was macht eigentlich München aus? Die Frage kann jeder Millionendorfdepp mühelos beantworten: Bier natürlich! Und was sonst noch? Da wird's schon schwieriger. Oktoberfest, eh klar. Fußball, auch klar. Wer dann noch etwas Ahnung von Geschichte hat, dem fällt vielleicht noch die "Hauptstadt der Bewegung" ein. Und schon hat man so eine Art Querschnitt der Münchner Geschichte beisammen.

Jedenfalls, wenn man eine virtuelle Stadtführung durch die Jahrhunderte zusammenstellt, wie es die Firma Time Ride macht. Vor vier Jahren präsentierte sie in ihren Räumen im Tal 21 eine Zeitreise durch die bayerische Geschichte. Ausgestattet mit einer Cyberbrille macht man eine Virtual-Reality-Tour aus der Vogelperspektive durch verschiedenste Stationen, und zwar in König Ludwigs II. Pfauenwagen, der wiederum an einem Ballon hängt.

Nun gibt es eine neue Tour im Tal, und zwar durch die Münchner Stadtgeschichte. "Diesmal nicht mehr aus der Vogelperspektive", so Time-Ride-Chef Jonas Rothe, "sondern eher aus der Frosch- oder Menschenperspektive." Von oben herab kann man München dabei zwar auch noch erleben - im zweiten Teil der Show fliegt man wieder im Pfauenballon über die Stadt. Ansonsten aber bleibt man auf dem Boden, gründelt dabei aber auch nicht allzu tief.

Die Show "Apud munichen", also "bei den Mönchen", ist benannt nach der Bezeichnung für München aus der allerersten urkundlichen Erwähnung, und mit einem Blick auf die erste Stadtmauer geht es dann auch schon los. Man geht durch die mittelalterliche Stadt, erlebt Ritterturniere auf dem Marienplatz mit, sieht den Baumeistern bei der Fertigstellung der Frauenkirche zu und dem Teufel, wie er vor Wut aufstampft und seinen Fußabdruck im Eingangsbereich des Doms hinterlässt.

Kurz wundert man sich darüber, wo die Bavaria steht

Es geht weiter durch die Jahrhunderte, Napoleon macht Bayern zum Königreich und die Bayern begleiten ihn auf dem russischen Feldzug. Zum Ausgleich gibt's eine königliche Hochzeit mit Pferderennen; das Oktoberfest ist geboren. Kurz wundert man sich, dass die Bavaria angeblich "auf der Sendlinger Höhe" steht - das Stadtviertel heißt doch Schwanthalerhöhe, nach Ludwig Schwanthaler, dem Schöpfer der Bavaria?

Es kommt dann Ludwig II. und sein märchenhafter Wintergarten auf der Residenz, aber es gibt keine Prinzregentenzeit und keinen Ersten Weltkrieg, dafür die politischen Wirren der Zwanzigerjahre, die Machtübernahme durch die Nazis und schließlich die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Die Olympischen Spiele von 1972 machen manches wieder gut, und als Höhepunkt findet man sich im Olympiastadion 1974 wieder, wo Franz Beckenbauer auf der Ehrentribüne gerade den Fußballweltmeisterpokal entgegennimmt und unter dem Jubel der Menge in die Höhe hält.

Ja, das alles ist München, und so will es der normale Tourist wahrscheinlich auch sehen. Insofern ist da nicht allzu viel dagegen einzuwenden. Manche Details der 360-Grad- und 3-D-Show sind wirklich sehr hübsch geworden. Und das eine oder andere wissen selbst alteingesessene Münchner nicht - dass die Stadt bis ins Spätmittelalter eigentlich eine Stadt des Weines gewesen ist und erst danach zur Heimat des Bieres wurde.

Wobei dieser Aspekt in der nicht nur virtuellen Zeitreise ein bisschen überbetont wird. Nicht nur, dass man zum Reiseantritt in ein Bierfass steigen muss, bevor man seine Virtual-Reality-Brille angepasst bekommt. Sondern auch, weil man nach der Show ganz real in ein Bierstüberl zur Verkostung eingeladen wird. Dort darf man dann Augustiner Dunkles, Hofbräu Weißbier und Spaten Helles probieren - drei Biersorten, die in Münchens Geschichte tatsächlich eine gewisse Rolle spielten und es der Firma Time Ride erlauben, nonchalant darauf hinzuweisen, dass man im Kloster Andechs die dortige Brauereiführung mit Virtual-Reality-Brillen gestaltet habe, die man gerne ebenfalls buchen könne. Ob es dort auch eine alkoholfreie Variante für Kinder und andere Nichttrinker gibt wie in München?

Die Tour in Bierfass, Pfauenballon und Stüberl kostet 21,90 Euro und ermäßigt zwei Euro weniger. Wem die virtuelle Realität nicht genug ist, der kann übrigens auch eine Variante mit analogem Spaziergang durch die Altstadt und mobilen Virtual-Reality-Brillen sowie Stadtführerin buchen. Eine Dreiviertelstunde kostet dann wochentags 19,90 Euro (ermäßigt 16,90 Euro) und am Wochenende sowie an Feiertagen 22,90 Euro, 90 Minuten 29,90 Euro und 24,90 Euro (buchbar über www.timeride.de/muenchen/timeridego).

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