bedeckt München
vgwortpixel

Tilly und Franz Landauer:Erinnerung und Mahnung

Erinnerungstafel für Franz und Tilly Landauer in der Königinstraße 85, Maxvorstadt, wird angebracht.

Eine Gedenktafel erinnert in der Königinstraße 85 an Franz und Tilly Landauer, die dort gewohnt haben und von den Nazis ermordet worden sind.

(Foto: Florian Peljak)

Erste Tafel zum Gedenken an Münchner NS-Opfer eingeweiht

Uri Siegel tritt ans Mikrofon, das vor dem Jugendstilhaus an der Königinstraße steht. Im ersten Stock des von Martin Dülfer entworfenen Gebäudes lebten einst Franz und Tilly Landauer, angesehene Bürger der Stadt, die in dem Augenblick, als die Nazis an die Macht kamen, zu Ausgegrenzten wurden - ausgegrenzt, weil sie Juden waren. Und die am Ende umgebracht wurden, zwei von sechs Millionen Opfern. Uri Siegel ist ihr Neffe. Er wird eine Rede halten zum Gedenken an seine ermordeten Vorfahren, an die von diesem Donnerstag an eine goldschimmernde Gedenktafel erinnert, die neben der Eingangstür angebracht ist. Es ist die erste Erinnerungstafel, mit welcher die Stadt individuell der von den Nazis ermordeten Münchner gedenkt. Die Wandtafeln und Stelen des Designers Kilian Stauss sind die offizielle städtische Alternative zu den Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig.

Vor Uri Siegel haben bereits Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und CSU-Stadtrat Marian Offman, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, vor den etwa 100 Zuhörern gesprochen. Reiter leitet seine Rede mit einem Zitat des vor zwei Jahren gestorbenen Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer ein: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon." Gerade in München, der einstigen "Hauptstadt der Bewegung", sei das würdige Gedenken an die Opfer ein besonderes Anliegen. Reiter erinnerte an die hitzigen Debatten, die dem Stadtratsbeschluss vorausgegangen waren, und sagte: "Es ist ein ganz besonderer Moment. Damit dokumentieren wir den breiten Schulterschluss nach langer Diskussion." Und dann erzählte Reiter vom Leben und Sterben der Landauers: Wie sie als hochgeachtete Bürger in der Maxvorstadt lebten, wie sie von Nazis drangsaliert und beraubt wurden, wie sie nach Amsterdam flüchteten und dort den deutschen Besatzern in die Hände fielen; und wie sie schließlich ermordet wurden.

Marian Offman richtete den "großen Dank" Charlotte Knochlochs aus, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, die froh sei, dass "wir eine würdige Form des Gedenkens gefunden haben". In einer Pressemitteilung fügte Knobloch später hinzu: "Entscheidend ist, dass wir das Andenken der Opfer in Ehren halten und in und auf Augenhöhe an sie erinnern." Offman hob lobend hervor, dass auf den Tafeln und Stelen auch Fotos der Menschen zu sehen sind, die von den Nazis verfolgt wurden. "Man muss den Menschen ein Gesicht geben, und die Landeshauptstadt gibt den Opfern ein Gesicht." Offman betrachtet die Erinnerungszeichen auch als Mahnung, dass die Stadt so bleiben müsse, wie sie ist: "bunt, offen und tolerant".

Nun also Uri Siegel: Er erzählt, wie Franz Landauer im Ersten Weltkrieg mit Zustimmung der Offiziere seiner Truppe selbst zum Offizier befördert wurde, und wie er an der Westfront das Eiserne Kreuz erhielt, das er in späterer Zeit stolz anlegte, wenn er am Jahrestag des Kriegsendes mit seinem Neffen Uri durch den Englischen Garten spazierte. Weil er fürs Vaterland gekämpft hatte, habe Landauer geglaubt, dass ihm die Nazis nichts antun würden. Es war ein Irrtum. Als er diesen bemerkte, war es zu spät.