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Hommage an den Tiger Willi:Vom Metzger zum Dichter

Tiger Willi, 2012

Stets mit Tiger-Kappe, -Weste und verschmitzem Lächeln präsentierte sich Wilhelm Raabe als Tiger Willi, hier bei der Tassilo-Preisverleihung 2012.

(Foto: Stephan Rumpf)

2018 ist Wilhelm Raabe alias Tiger Willi gestorben. Nun gibt es ein opulentes Buch, das an die bayerische Kleinkunstgröße erinnert. Auch die schwierige Jugend kommt zur Sprache.

Von Oliver Hochkeppel

Sieben Jahre ist es her, dass sich der Tiger Willi von der Bühne verabschieden musste. Alzheimer lautete die verheerende Diagnose, und die Krankheit machte schnell ernst: 2018 starb Wilhelm Raabe, wie der Tiger Willi bürgerlich hieß, kurz vor seinem 71. Geburtstag. Und mit ihm ein Kleinkunst-Unikum, wie es sie heute kaum mehr gibt. Zum einen, weil sich die Szene so professionalisiert hat und neben all den Businessplan-Comedians und in Schauspielerei ausgebildeten oder in den Poetry Slams gestählten Kabarettisten kaum mehr Platz bleibt für die Ungeschliffenen, die Naiven, die in ihrer Region Verwurzelten, die vom Leben zur Kunst Gezwungenen wie ihn. Zum anderen, weil es - eine Generationenfrage und einerseits ein Fluch, andererseits ein Segen - solche Biografien wie die seine nicht mehr gibt.

Das wird einem klar, wenn man das soeben im Allitera Verlag erschienene Buch "Tiger Willi. As Leben is a Schindermatz" liest. Ein schwieriges Leben entrollt sich da, von Geburt an: Der gesetzliche Vater, der Metzger Ernst Raabe, war nicht der leibliche. Als Kind eines Wirtsehepaares kümmerte sich erst eine - freilich liebevolle und prägende - Kinderschwester um ihn, später kam der sensible, unerkannt hochbegabte Bub auf ein katholisches Internat, wo er "großgezüchtigt" wurde, wie er sich später erinnerte.

Obendrein musste er dann auch noch eine Metzgerlehre absolvieren und nach dem frühen Tod seiner Eltern schon mit 23 die ungeliebte elterliche Metzgerei in Steinebach am Wörthsee übernehmen. Da das Gitarrenspiel und das Dichten früh seine Flucht war, wandelte er den Laden bald zu seiner privaten Bühne um, deklamierte vor der Kundschaft Gedichte, trug Szenen aus Dramen vor und wurde der "singende Metzger" am Ort.

Der Tiger Willi 2011 im Geltinger Hinterhalt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit einem Werbefilm über das Erwachsenenabitur nahm sein Leben die entscheidende Wendung. Nach bestandener Begabtenprüfung studierte er erst Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, dann das weniger brotlose Sozialwesen. 1987 wurde er Sozialpädagoge im Internat der Bayerischen Bauindustrie in Stockdorf, wo er bis zu seiner Pensionierung blieb. Dort entstanden nebenbei die ersten richtigen Lieder, mit denen er sich bald auch auf kleine Bühnen traute. So startete Wilhelm Raabe mit 40 seine Karriere als Musiker und Kabarettist.

Nach einem Peter-Kraus-Schlager nennt er sich Tiger Willi, und mit Tigerfell-Kappe und -Weste trägt er, meist begleitet vom bestens auf ihn eingespielten Tram-Gitarristen Günther "Bonzo" Keil, seine bairischen, mit sehr konkretem, oft morbiden Humor unterlegten, zumeist von seiner Steinebacher Umgebung inspirierten Lieder vor, zu denen er wie ein Fredl Fesl mit langen Moderationen überleitet. Und bringt es zumindest in der Region zu einem, gegen Ende der Karriere sogar mit dem Tassilo-Preis der SZ gekrönten Kultstatus als "Gesamtkunstwerk".

Das Buch ist nicht nur Biografie, sondern auch Werkausgabe und Kunstbuch

Im Buch erzählt diese Geschichte Raabes Witwe Andrea, die späte Liebe des Tiger Willi. 2005 lernten sie sich kennen, 2008 zog sie zu ihm, 2011 heirateten sie. Dadurch ist sie die ideale Biografin: nah genug dran, aber auch objektiv genug für die sicher ebenso tröstliche wie schmerzliche Aufgabe. Das Buch ist aber nicht nur Biografie, sondern auch Werkausgabe und Kunstbuch. Raabes ältester Freund Wolfgang Berends wählte Gedichte aus und gibt auch einen Einblick in die von Schopenhauer und Nietzsche beeinflusst Philosophie Raabes, die er im Buch "Eishockey und Weltanschauung" niederlegte. Auch die Songtexte aller fünf Alben vom Tiger Willi sind abgedruckt.

Die wichtigste Aufgabe übernahm Thomas Merk. Er schlug eine Schneise durch den Dschungel der elf großen Kladden, in denen Raabe von 1986 bis 1999 des Nachts seine Künstlerseele sich austoben ließ. Anfangs vor allem mit Gedichten, dann in immer bunteren, kalligrafischen Collagen, zuletzt vor allem mit Zeichnungen und Bildern, weshalb das letzte Buch für eine Ausstellungen in seine Einzelteile zerlegt wurde. Dieses grafische Werk des Tiger Willi durchzieht neben vielen Fotos das großformatige Buch. Was alles zusammen eine opulente Erinnerung an einen Unvergessenen ergibt.

Andrea Raabe (Hg.): "Tiger Willi. As Leben is a Schindermatz", Allitera Verlag, München 2021

© SZ vom 08.04.2021/blö
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