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Tiger Lillies in München:Die einzig wahre Freakshow

Die Tiger Lillies suchen Tollwood heim. Die Briten sind nichts als Provokation. Eine herrlich-schöne Kampfansage an das Sein.

Es mutet bizarr an, wenn Kleinwüchsige als Freaks bezeichnet werden. Zumal auf der Bühne. Man ist seltsam berührt, wenn Liliputaner Miniatur-Zirkuswagen über die Bretter ziehen und der Frontmann der Tiger Lillies, Martyn Jacques, dazu sein Falsett anstimmt. Was machen die da?

Ein ziemlicher Kontrapunkt auf dem politisch korrekten Tollwood: die Tiger Lillies.

(Foto: Foto: oh)

Eine echte "Freakshow", so wie der Titel ihrer Show es ja ahnen ließ? Den Versuch, die Grausamkeiten des Zirkus der Jahrhundertwende und der Gaukler des Mittelalters wiederauferstehen zu lassen? Zeiten, in denen Menschen anderer Völker wie wilde Tiere vorgeführt wurden? Ja, man ist versucht, dies dem britischen Trio unterstellen zu wollen.

Doch nach ganz kurzer Irritationsphase verschmelzen das grandios düstere und abgewrackte Bühnenbild, die tragischen Songs, die skurrilen Protagonisten zu einer Szenerie, in der alles Absonderliche normal wird. Und wunderschön, weil so fremdartig. Schön fremd. Und sie regen an zur Selbstreflexion. Denn wer ist der Freak? Die da auf der Bühne oder wir, die Zuschauer?

Die Tiger Lillies machen eine einmalige Show aus Varieté, Pop- und Rockkonzert. Sie sind zeitlos, irgendwie aus der Zeit gefallen. Was ist das für eine Zeit, in der sich eine Schlangenfrau vor den Musikern und ihrem schmissigen Lied über eben diese Snakewoman so biegt, dass allein das Zuschauen schon schmerzt? Egal. Denn es ist ein wohliger Schmerz, den der Zuschauer verspürt.

Besungene High Heels

Die kurzen Lieder von Martyn Jacques (Gesang, Akkordeon, Klavier), Adrian Stout (Bass und singende Säge) sowie dem Drummer Adrian Huge wechseln von düsteren Balladen zur heiteren Polka. Da werden mit viel zu hoher Stimme High Heels besungen und absonderliche Wesen vergöttert.

Die Tiger Lillies sind mit ihrer schrägen Show auf dem politisch korrekten Tollwood ein ziemlicher Kontrapunkt - und ein herrlicher dazu. Ebenso wie Tom Waits, dessen frühe Lieder denen dieses Trios ähneln, passen sie so gar nicht vor ein situiertes Publikum. Denn das Trio aus Londons verrufenem Soho sucht den Dreck, das Rotlicht von Hafenstädten, billigen Puffs, Kaschemmen, auf denen sich verflossenes Bier mit Tränen auf der Theke vermischt. Und nun stellt es diese kaputte Welt der Dreigroschenoper mit Kunstnebel im Halbdunkel in den Zelten der Welt her.

Die Tiger Lillies zeigen eine verblüffend lebensfrohe Melancholie, selbst wenn sie Zombies tanzen lassen, mit einem Schwert siamesische Zwillinge trennen, eine Nymphe mit meterlangem Haar besingen und eine dicke Frau anbeten, die mehrere Herzen haben muss, um ihr Schicksal zu ertragen. Das Publikum reißen sie mit, lassen es mit den Füßen stampfen, mitsingen, mitklatschen. Die Helfer des Trios verzaubern die Zuschauer durch hochgradig professionelle, ebenso kraftvolle wie halsbrecherische Akrobatik.

Insgesamt wandeln die Tiger Lillies auf einem schmalen Grat zwischen Schönheit und Hässlichkeit. Im Grunde sind sie eine einzige Provokation. Ihre neueste Show aber treibt dieses Spiel, dass sie seit ihrer Gründung 1989 perfekt beherrschen, auf einen grandiosen Höhepunkt. Es sind nur zwei Stunden, die die Tiger Lillies da auf der Bühne verbringen. Aber sie sind einfach umwerfend.

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Die Tiger Lillies gastieren noch bis einschließlich Montag, den 30.11., im Grand Chapiteau auf dem Tollwood Winterfestival, Theresienwiese. Karten unter 0700-38 38 50 24. Weitere Informationen unter www.tollwood.de.