Tierschutz:Die Beschuldigten sprechen von Erpressung

Laut Attenbergers Anwälten und offenbar auch nach Ansicht des Gerichts seien die Videos bewusst inszeniert worden. Der Mitarbeiter habe versucht, damit den ehemaligen Arbeitgeber zu erpressen, deshalb sei gegen ihn auch Anzeige erstattet worden; auch hier läuft ein Ermittlungsverfahren. Angebliche Vergehen, dokumentiert auf Fotos und Videos, kursieren in der sensiblen Lebensmittelindustrie immer wieder.

Für Ermittler und Verbraucherschützer ist es immer wieder ein großes Problem, Anzeigen und dokumentarisches Material zu bewerten und den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Häufig lassen sich mutmaßliche, punktuelle Vorfälle nicht mehr nachvollziehen. Und mitunter gab es Fälle, in denen Mitarbeiter vermeintliche Vergehen bewusst herbeigeführt haben, um Forderungen durchzusetzen.

Zwischen notwendigem Verbraucherschutz und -verunsicherung ist es also ein schmaler Grat. Ein zweiter ehemaliger Schlachthofmitarbeiter, der anonym bleiben will, hat im Gespräch mit der SZ die auf den Videos gezeigten Inhalte jedoch als authentisch bezeichnet.

Attenberger gibt an, dass das Unternehmen gemeinsam mit den Behörden die Vorwürfe aufkläre. Die Regierung von Oberbayern bestätigte, dass das Münchner Kreisverwaltungsreferat (KVR) den Vorgängen nachgehe. Über das Ergebnis soll die Stadt die Regierung informieren, diese ist ihr rechtlich übergeordnet.

Zu Einzelheiten darf sich das KVR aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht äußern. Im Zusammenhang mit den fraglichen Videos habe man jedoch bereits angeordnet, die Reinigungsarbeiten im Schlachthof künftig eigens zu kontrollieren. Die Stadtrats-Grünen reichten am Montag einen umfangreichen Fragenkatalog zur Arbeit des Veterinäramts im Schlachthof ein.

Bei Schlachtungen sind Tierschutzbeauftragte anwesend

Nach Aussage der Attenberger-Anwälte wurde der Betrieb schon jetzt regelmäßig kontrolliert, von unterschiedlichen Institutionen. Viele der Kontrollen erfolgten unangemeldet, etwa durch Behörden wie das KVR, das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und die Landesanstalt für Landwirtschaft. Im Lebendbereich sei es in den vergangenen drei Jahren "durchaus zu Beanstandungen in normalem Umfang" gekommen.

Bei jeder Schlachtung seien ununterbrochen Tierschutzbeauftragte an allen Stationen der Schlachtung dabei, hinzu kämen Mitarbeiter des städtischen Veterinäramts mit sechs bis sieben Personen. Man stehe im ständigen Austausch mit den Behörden. Zudem sei der Betrieb nach dem International Food Standard zertifiziert und habe eine Bewertung "auf höherem Niveau" erhalten. Diese Bewertung verlangt der Lebensmittelhandel von allen Lieferanten.

Laut Staatsanwaltschaft gibt es ein weiteres Ermittlungsverfahren, es richtet sich gegen Andrea und Ludwig Attenberger. Ein anonymer Hinweisgeber hatte behauptet, im Münchner Schlachthof sei Fleisch, das mit der Kategorie K3 deklariert wurde und ausgesondert werden müsste, falsch ausgezeichnet worden, um es als Lebensmittel zu verkaufen. Kontrolleure des KVR seien dem Vorwurf bei einem Besuch nachgegangen, hätten "zu diesem Zeitpunkt jedoch nur ausgesondertes Fleisch" gefunden, das wie gefordert gesperrt war, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Das Fleisch sei daraufhin vernichtet worden. Attenbergers Anwälte sagten, sie wüssten von keinem dahin gehenden Ermittlungsverfahren.

© SZ vom 09.02.2016/imei
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