Tierschutz In keiner deutschen Großstadt leben so wenige Vögel wie in München

Obwohl sich der Haussperling gut an das Zusammenleben mit Menschen angepasst hat, sinkt die Zahl der Spatzen im Stadtgebiet von Jahr zu Jahr.

(Foto: dpa)
  • Bei einer Vogelzählung des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) schneidet München im Vergleich der deutschen Großstädte am schlechtesten ab.
  • Die Entwicklung, dass immer weniger Vögel in der Stadt leben, geht vor allem auf die stetig voranschreitende Verdichtung und Versiegelung im Stadtgebiet zurück.
Von Günther Knoll

München attraktiv? Für Vögel sicher nicht. Auf diesen einfachen Nenner lässt sich das Ergebnis der diesjährigen Aktion "Stunde der Wintervögel" bringen. Dazu hatte der Landesbund für Vogelschutz (LBV) Anfang Januar aufgerufen. In den 60 Minuten des Beobachtungszeitraums wurden in Münchens Gärten durchschnittlich nur 21 Vögel gezählt. Bayernweit lag die Dichte dagegen bei 34 und in manchen Landkreisen sogar bei über 40 Vögel.

Diese Entwicklung lasse sich in der Stadt, wo immer mehr verdichtet und versiegelt werde, wohl leider nicht aufhalten, sagt Sophia Engel, für Vogelkunde zuständige Projektleiterin des LBV in München. Seit Beginn der bundesweiten Zählaktion vor acht Jahren belegt München damit durchgehend den letzten Platz im Vergleich der deutschen Großstädte, nur Duisburg ist ähnlich vogelfeindlich.

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Nur etwa 40 000 Vögel waren es, die am 5. und 7. Januar innerhalb einer Stunde im Stadtgebiet bei knapp 1900 Meldungen gezählt wurden, fast genau so viele waren es in Hamburg bei allerdings nur 1300 Meldungen. Als symptomatisch für diese Entwicklung bezeichnet Engel das Verschwinden des Haussperlings, der sich wie keine andere Vogelart an das Zusammenleben mit dem Menschen angepasst hat. In München aber nehmen seine Bestände von Jahr zu Jahr rapide ab, weil er kaum noch geeignete Lebensräume findet. Knapp 1700 der Spatzen wurden noch gesichtet.

Mit gut 8300 Exemplaren ist die Kohlmeise auch in der Münchner Rangliste deutlicher Spitzenreiter. Der Vogel mit dem markanten schwarzen Längsstreifen über dem gelb gefärbten Brust- und Bauchbereich habe sich von seinem zahlenmäßigen Einbruch 2017 erholt, sagt Engel, wobei heuer auch viele andere Meisen gesichtet worden seien, so dass der Meisenbestand als "normal" anzusehen sei. Dass die Zahl der Amseln gegenüber Januar 2017 zurückging, das, so sagt Engel, "sieht nur aus wie ein Absturz".

Der Sommer 2016 sei für diesen Vogel ideal gewesen, darauf seien die überdurchschnittlich hohen Zahlen des vergangenen Jahres zurückzuführen. Die Befürchtung, dass der Usutu-Virus auch in Bayern zu einem Amselsterben führen könnte, habe sich zum Glück nicht bestätigt. Denn mit 5200 Beobachtungen liegt die Amsel auf Platz zwei der diesjährigen Münchner Zähliste.

"Erfreulich" findet es die Biologin, dass der Abwärtstrend beim Grünfink offenbar gestoppt ist. Der gehört mit gut 1400 gesichteten Exemplaren und Platz sieben zu den Top-Zehn auf der Liste der Münchner Wintervögel vor Elster und Buntspecht. Generell bezeichnet Engel die diesjährigen Ergebnisse als "relativ durchschnittlich". Der Trend, dass Kurzstreckenzieher den milden Winter inzwischen hier verbringen, habe sich auch durch die Beobachtungen im Januar 2018 bestätigt. Das Frühlingslied "Alle Vögel sind schon da" ist damit eigentlich längst überholt, denn "Amsel, Drossel, Fink und Star" sind in und um München längst ganzjährig anzutreffen. Zunehmend überwintern auch Hausrotschwanz, Bachstelze und Mönchsgrasmücke.

"Invasionen" von gefiederten Gästen aus dem Norden blieben wegen der relativ warmen Witterung bisher aus, wie Engel sagt. Erlenzeisige, die sonst zu Tausenden im Winter einfallen können, wurden heuer im Stadtbereich rund 500 gezählt. Dass dagegen mehr als 120 Kolkraben aus München gemeldet wurden, an dieser Zahl hat die Expertin doch Zweifel. Dieser Rabenvogel sei recht selten und untypisch für die Stadt, möglicherweise werde er mit ähnlichen, aber deutlich kleineren Rabenkrähen verwechselt. Das könne aber den Erfolg der Aktion nicht schmälern, denn aus den Ergebnissen lassen sich, wie Engel sagt, eindeutige Trends herauslesen.

Bei den Münchnern kommt die "Stunde der Wintervögel" offenbar gut an. Mit mehr als 2600 Meldungen aus der Stadt und dem Landkreis kann der LBV erneut einen Teilnehmerrekord verzeichnen. Im Stadtgebiet beobachteten die Vogelfreude 84 Arten. Diese Vielfalt liegt laut Engel daran, dass manche auch in relativ naturnahen Schrebergärten oder Parks zählten.

Dass die bundesweite Aktion immer beliebter wird, dafür sei deren zunehmender Bekanntheitsgrad verantwortlich. Heuer habe wohl auch die milde Witterung im Beobachtungszeitraum zu der hohen Beteiligung geführt. Und schließlich verschafften auch Hiobsbotschaften aus dem Bereich der Natur erhöhte Aufmerksamkeit.

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