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Tierpflege:Flieg, Lumpi, flieg!

Vor dem Abflug fütterte Ninon Ballerstädt den kleinen Mauersegler mit Heuschrecken, dann war es Zeit für den Abschied.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wenn Mauersegler aus dem Nest fallen, haben sie kaum eine Chance. Doch Ninon Ballerstädt päppelt die Vögel auf - Hunderten Tieren hat sie schon ins Leben geholfen.

Aufmerksam blicken die dunklen Knopfaugen umher. Die Freiheit ruft. Sie ist zum Greifen nah - das erkennt Lumpi sofort. Noch einen kurzen Moment verweilt er auf der ausgestreckten Hand. Dann richtet er sich auf, breitet die rauchschwarzen Flügel aus und fliegt. Etwas holprig ist der Start. Ein kurzes Auf und Ab. Dann fängt er sich, steigt höher und fliegt, als hätte er nie etwas anderes getan.

Es ist der erste Flug des kleinen Mauerseglers. Und der wird lang: Wenn Jungtiere flügge werden, lassen sie sich aus dem Nest fallen und starten durch, um von da an für drei Jahre - bis zur ersten Brut - in der Luft zu bleiben. Mauersegler sitzen nicht in Bäumen, und sie landen nicht auf der Erde. Ihre Füße sind verkümmert, denn ihr Lebensraum ist die Luft. Außerhalb der Brutzeit befinden sich die geselligen Segler mehr als 99 Prozent ihrer Lebenszeit in luftigen Höhen. Sie jagen und fressen fliegend, trinken sanft über Wasserflächen gleitend und schlafen ebenfalls im Flug.

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Wenn aber der Abflug aus dem Nest nicht in einem Leben in der Luft mündet, sondern in einer Bruchlandung endet, kommen die Tiere mit etwas Glück bei Ninon Ballerstädt unter. Seit mittlerweile 20 Jahren päppelt die promovierte Geologin jedes Frühjahr zig verunglückte Mauersegler auf.

Zu den Vögeln ist die 57 Jahre alte Frau zufällig gekommen. 1998 habe sie spontan zwei Piepmätze bei sich aufgenommen. Das sprach sich herum. Immer mehr Menschen brachten ihr Jungvögel vorbei. Tierärzte, Institutionen und Privatpersonen traten an sie heran. Das hat ihr Leben verändert. Arbeit, Urlaub, Sozialleben - alles richtet sich seither an den "Pflegekindern" aus.

Seit 2000 hat Ninon Ballerstädt etwa 440 Mauerseglern und Hunderten anderen Vögeln ins Leben geholfen. Mehr als 80 Tiere befinden sich aktuell in ihrer Obhut, darunter 20 Mauersegler. Je nach Alter und Größe werden die kleinen Schreihälse tagsüber alle zwei bis drei Stunden gefüttert. Für schwache Tiere stellt sich Ballerstädt den Wecker auch in der Nacht. Alles ehrenamtlich, größtenteils aus eigener Tasche finanziert. "Insektenfutter ist teuer. Jeder Vogel frisst um die 50 Euro, bis er mich wieder verlässt", sagt Ballerstädt. Über Tierpatenschaften freut sich die Frau aus Tutzing daher sehr.

Die moderne Architektur macht die Vögel heimatlos

Lumpi hat gleich mehrere kleine Paten, die seinem Flug in die Freiheit mit großen Augen folgen. Die Schüler der Klasse 3c der Grundschule Tutzing hat eine Patenschaft für den kleinen Vogel übernommen, nachdem sie Lumpi vor ihrer Schule gefunden hatten. Mauersegler fallen oftmals in den ersten heißen Sommertagen aus den Nestern. "Ab Mitte Juni, wenn es 30 Grad hat, dann regnet es regelrecht Mauerseglerjunge. Zwischen Dachrinnen und -verschalung wird es schnell gefährlich heiß. Die Vögel fliehen aus den Nestern", sagt Ballerstädt. Als Kulturfolger sind die Vögel auf Nistmöglichkeiten an Gebäuden angewiesen. Moderne Architektur aus Glas und Stahl bietet keinen Platz mehr für Nester. Wärmedämmung und die Sanierung von Altbauten tun ihr Übriges.

Werden alte Nischen verschlossen, stehen Mauerseglerpärchen vor einem Problem: "Die Vögel sind nistplatzgebunden und stur", sagt Ballerstädt. Ende August machen sich die Zugtiere auf den Weg in ihr südafrikanisches Winterquartier, um im Frühjahr zu ihren Nestern in Mitteleuropa zurückzukehren. "Wenn sie dann hier ankommen und ihr Zuhause nicht mehr vorfinden, sieht man sie oft tagelang suchend kreisen. Finden sie keine nah gelegene Alternative, geben sie auf und der Bestand stirbt aus."

"Die paar Vögel, die ich rette, sind für die Natur vielleicht nicht relevant", sagt Ballerstädt. Sie hoffe aber das Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Dass sie das erreicht, zeigte sich nun im Tutzinger Würmseestadion. 60 Neugierige sind gekommen, um die Vögel beim Aufbruch zu begleiten. Mauersegler sind sofort selbständig und verbringen gleich die erste Nacht in der Luft in Höhen zwischen 400 und 3600 Metern. Auch der kleine Lumpi, der Minuten zuvor noch von Ballerstädt gefüttert wurde und gierig kleine Heuschrecken vertilgte.

Langsam schraubt sich Lumpi höher. Aus dem nichts tauchen andere Mauersegler auf. Die Flugkünstler holen den Neuzugang ab, jagen gemeinsam durch den Abendhimmel. Die Reise nach Afrika - sie kann beginnen.

© SZ vom 31.07.2018/vewo
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