Tierpark:Was wollt ihr denn alle von mir?

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Tierpark: Entspannte Atmosphäre: Tierärzte behandeln im Tierpark Hellabrunn einen Elefanten wegen eines Abszesses am Rücken.

Entspannte Atmosphäre: Tierärzte behandeln im Tierpark Hellabrunn einen Elefanten wegen eines Abszesses am Rücken.

(Foto: Catherina Hess)

Zootiere müssen lernen, mit ihren Pflegern zu kooperieren. Von klein auf gibt es für sie spezielle Trainings für den Alltag hinter Gittern.

Von Katrin Blawat

Wie bringt man einen Elefanten dazu, sich ins Ohr gucken zu lassen? Und wie überzeugt man eine Giraffe davon, dass sie sich eine Pediküre gefallen lässt? Mit Zwang und Festhalten kommen Tierärzte bei den wehrhaften oder scheuen Zootieren nicht weit. Was also tun, wenn Elefant, Giraffe, Nashorn und Co zum Gesundheits-Check müssen, wenn die Nägel geschnitten oder Wunden mit Salbe versorgt werden müssen?

Um ihren Bewohnern in solchen Situationen Stress und vielleicht sogar eine Narkose zu ersparen, wenden viele Zoos das "Medizinische Training" an. Auch der Münchner Tierpark Hellabrunn praktiziert dies zum Beispiel mit Kamelen. Dabei lernen die Tiere, sich freiwillig untersuchen und behandeln zu lassen. Tierkinder lernen so von Anfang an, in der Nähe des Menschen entspannt zu bleiben - und damit im Zooalltag besser klarzukommen.

Das Training basiert auf der sogenannten positiven Bestärkung: Belohnt wird alles, was in Richtung des gewünschten Verhaltens geht. Alles andere wird ignoriert, nicht aber bestraft. Das weckt die Motivation der Tiere, ohne Freiwilligkeit geht nichts bei dieser Art des Lernens. Hat der Elefant zum Beispiel gerade keine Lust auf sein Ohr-Training, macht er einfach nicht mit. Eine Strafe muss er nicht fürchten - nur auf seine Belohnungen verzichten, die er sich während der Übungen verdienen würde.

Im ersten Schritt des Medizinischen Trainings lernt der Elefant nämlich, ein beliebiges Geräusch mit einer großartigen Nachricht zu verbinden: "Ich bekomme Futter!" Oft verwenden Tiertrainer dafür eine Art Knackfrosch, wie es ihn als billiges Kinderspielzeug gibt. Sein metallisches Klicken ist ein unverwechselbares, präzises Geräusch. Nach ein paar Durchgängen, in denen der Elefant gleichzeitig einen Leckerbissen bekommen und das Klicken gehört hat, ist das Geräusch für das Tier zu einer aufmunternden Verheißung geworden: "Exakt in diesem Moment hast du alles richtig gemacht. Gleich bekommst du dafür Futter. Weiter so!" Diese Botschaft kann der Trainer dem Tier mithilfe des Klicks auch dann vermitteln, wenn er aus Sicherheitsgründen mehrere Meter entfernt außerhalb des Geheges steht. Manchmal reichen eine Handvoll Wiederholungen, bis der Schüler im Gehege diesen Schritt verstanden hat.

Als nächstes gilt es, ihn zumindest ansatzweise zu dem gewünschten Verhalten zu bewegen - schließlich lässt sich nur ein Verhalten belohnen, das auch gezeigt wird. Im Fall des Elefanten heißt das, er soll sich seitlich an das Gehegegitter stellen, sodass die Pfleger von außen an sein Ohr kommen. Außerdem muss das Tier die Berührung dulden, später auch, dass sie sein Ohr festhalten und vielleicht Tropfen einmassieren.

Um den Elefanten in die gewünschte Position zu bringen, könnte der Pfleger ihn zunächst lehren, mit der Stirn die Spitze eines Stocks zu berühren. Dabei hilft ihm der Klicker: Kommt der Elefant anfangs nur zufällig an die Stockspitze, folgt sofort ein "Klick" und später die Belohnung. Das Klicken bietet den Vorteil, dass der Trainer damit exakt in jener Zehntelsekunde eine Belohnung "versprechen" kann, in der sich Stock und Elefantenstirn berühren. Nur dank dieser präzisen Abstimmung kann das Tier verstehen, wofür genau es belohnt wird.

Mit ausreichend Geduld lässt sich theoretisch jede Tierart trainieren

Mit der Zeit wird der Elefant immer öfter mit seiner Stirn gegen die Stockspitze stupsen. Doch die Anforderungen an das Tier steigen: Einen "Klick" und die Belohnung gibt es bald nur noch, wenn die Elefantenstirn für mehrere Sekunden an der Stockspitze "klebt" und ihr auch folgt, wenn der Trainer den Stock bewegt. Irgendwann lässt sich der Elefant so an jede beliebige Stelle und in jede Position dirigieren - ohne dass ein Pfleger das Gehege betreten oder das Tier zu etwas zwingen müsste.

Der Rest des Trainings erfolgt nach dem gleichen Prinzip der kleinen Schritte. Anfangs ertönt das verheißungsvolle "Klick" bereits, wenn der Elefant zulässt, dass die Hand des Pflegers sein Ohr kurz streift. Duldet das Tier dies, weitet der Trainer den körperlichen Kontakt Schritt für Schritt aus. Irgendwann führt er auch ein Wort oder eine Geste als Kommando ein - und hat am Ende einen Schützling, der sich bereitwillig und ohne Stress ins Ohr gucken lässt. Auf ähnliche Weise lässt sich mit ausreichend Geduld theoretisch jede Tierart trainieren, unabhängig davon, als wie intelligent sie im herkömmlichen Sinne gilt: Eisbären, Antilopen und Zebras ebenso wie Warane, Haie und Adler. Seelöwen lassen sich auf eine Waage locken, Giraffen dazu bringen, ihre Füße zwecks Pediküre durch eine Gehege-Öffnung zu strecken, und ein Nashorn sperrt bereitwillig sein Maul auf, um sich die Zähne putzen zu lassen.

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