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Tierpark Hellabrunn:Ein Besucherrekord nach dem anderen

Viele Streicheleinheiten, viel Futter: Bei schönem Frühjahrswetter wird den Zwergziegen im Tätschelgehege garantiert nicht langweilig.

(Foto: Catherina Hess)

An warmen Frühlingswochenenden wird der Tierpark Hellabrunn regelrecht überrannt. Dass die Schlangen an den Kassen in diesem Jahr besonders lang sind, hat aber einen speziellen Grund.

Von Thomas Anlauf

Wer die wilden Tiere sucht, steckt oft im Stau. Eine Schlange aus Blech zieht sich über die Tierparkbrücke, die raren Parkplätze sind längst überfüllt, am Samstagmittag bricht dann der Verkehr zusammen. Es ist ein absurdes urbanes Schauspiel, das an sonnigen Frühlingswochenenden wie diesem vor den Toren von Hellabrunn zu bestaunen ist. Obwohl knapp die Hälfte der Tierparkbesucher aus München stammt, kommen trotz der Warnungen des Tierparks vor Parkproblemen viele mit dem Auto nach Thalkirchen. Und die Situation verschärft sich jedes Jahr: Seit 2013 vor allem die Eisbärenzwillinge Nela und Nobby die Besucherzahl erstmals über die Zwei-Millionen-Grenze getrieben haben, vermeldet der Tierpark regelmäßig Rekorde. 2017 zählte der Geozoo 2,5 Millionen Gäste, das dürfte bei der nächsten Bilanz für 2018 nach dem nicht enden wollenden Sommer wieder deutlich übertroffen werden.

Der Tierpark ist Münchens größte Freizeitattraktion. 2017 steigerte sich der Besucherstrom um mehr als zwölf Prozent, die Zahl der Jahreskarten schnellte im Vergleich zu 2016 von 52 799 auf 61 934 in die Höhe. Auch bei Touristen ist der Tierpark ein Muss: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2017 belegt Hellabrunn Platz neun unter den 100 wichtigsten Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Dazu kommt auch die anhaltend wachsende Stadt: Je mehr Einwohner München hat, desto mehr drängen auch in den Zoo. "Man merkt, dass jetzt auch im Frühling unter der Woche viel los ist", sagt Tierparksprecherin Lisa Reininger. "Vor allem nachmittags kommen dann viele Eltern mit Kinderwagen."

Ein Bett im Bollerwagen: Zooausflüge sind anstrengend.

(Foto: Catherina Hess)

Erst recht aber kommen diese an milden Wochenenden wie an den drei vergangenen in diesem März. Am Samstag warteten Zehntausende Menschen geduldig an den Parkeingängen an der Isar und an der Schönstraße. An den Kassen kam es in jüngster Zeit sogar zu Engpässen: Denn wegen der neuen Datenschutzgrundverordnung müssen nun für Besitzer von Jahresabonnements ganz neue Karten ausgestellt werden; da genügen schon 50 Jahreskarteninhaber, die auf einmal an einer der Kassen anstehen, dass sich die Wartezeit auf eine Stunde und mehr summiert.

An Wochenenden wie diesem lassen die Besucher die Prozedur jedoch meist geduldig über sich ergehen. Denn für die allermeisten bietet der Tierpark trotz des Stresstests immer noch Erholung. "Ich finde es einfach entspannend und ruhig hier", sagt Wolfgang Wagner. Er sitzt mit Tina Auer, Felicitas Meitinger und den siebenjährigen Zwillingen Miriam und Theresa hinter drei Kinderwagen in der Sonne, irgendwo springen noch weitere Kinder der Familien herum. Für Wolfgang Wagner ist es gar nicht so sehr das Naturerlebnis, das ihn und seine Freunde immer wieder in den Tierpark zieht. "Das kann ich auch im Westpark oder dem Englischen Garten haben", sagt er. Aber in dem Landschaftsschutzgebiet in der Größe der Theresienwiese mit seinen 730 Tierarten, den Lokalen, Spielplätzen und dem Streichelzoo könnten die Kinder selbst auf Entdeckungsreise gehen.

In Hellabrunn bemüht man sich, ständig neue Attraktionen zu schaffen

So geht es auch Avshalom Ben Ami. Der Vater von zwei Kindern lebt seit sechs Jahren in München. Für ihn ist ein Ausflug nach Hellabrunn an einem sonnigen Tag wie diesem Samstag ideal: "Wir fahren ganz gemütlich mit dem 52er-Bus vom Mariahilfplatz hier her, es ist einfach so gemütlich hier." Das findet seine einjährige Tochter Lea offenbar auch. Sie krabbelt lächelnd über den Weg, während ihr Bruder Amos irgendwo in den Klettergerüsten des Spielplatzes am Mühlendorf verschwunden ist. "Es ist tatsächlich so, dass bei einer Umfrage unter Kindern viele gesagt haben, dass sie am Schönsten den Spielplatz fanden - und die Enten, die einfach über den Weg laufen", sagt Tierparksprecherin Lisa Reininger.

Doch allein damit ist der stetig wachsende Ansturm auf den ersten Geozoo der Welt nicht zu erklären. Natürlich waren es die Eisbärenzwillinge im Jahr 2013 und auch die Geburt des Eisbärenmädchens Quintana im November 2016, die dem Tierpark zu neuen Besucherrekorden verhalfen. Doch in Hellabrunn bemühen sich Tierparkchef Rasem Baban und sein 200-köpfiges Team auch darum, ständig neue Attraktionen zu schaffen. Da ist das noch nicht ganz fertiggestellte Mühlendorf, das seit vergangenem Jahr mit seltenen Haustierrassen und heimischen Fischen auch viele Schulklassen anlockt. Bis zum Sommer soll dort auch eine Tierparkschule entstehen. Die Großvoliere wurde gerade neu gestaltet, im vergangenen Dezember wurden das Orang-Utan- und Drill-Haus modernisiert. Dort gibt es nun mehr Informationen für die Besucher, in einem "Begegnungstunnel" können sich Mensch und Affe noch etwas näher kommen.

Vieles, wie der Tunnel, wurde speziell für die Bedürfnisse der Kinder angelegt. Man achtet zudem darauf, dass die kleinen Besucher auch möglichst überall die Tiere entdecken können und sie nicht wegen ihrer Größe vom Zoo-Erlebnis ausgeschlossen sind. Trotzdem ist der Tierparkleitung wichtig, dass der Zoo kein reines Kinderparadies ist, sondern auch für Erwachsene eine Attraktion. Schließlich sind etwa 55 Prozent der Besucher volljährig und bringen damit die meisten Einnahmen.

Im vergangenen Jahr haben die Tierpfleger angeregt, regelmäßig Vorträge über ihre Tiere zu halten. Michael Zametzer, der seit mehr als vier Jahrzehnten Tierpfleger ist und sich vor allem um Zebras und Antilopen kümmert, ist von dem Projekt selbst überrascht: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so einen Anklang findet." An seinem Treffpunkt haben sich am Samstag 40 Interessierte versammelt, viele sind regelmäßige Tierparkbesucher.

Die beliebtesten Zoos in Deutschland

Berlin: Zoologischer Garten / Eröffnung: 1844 / Fläche: 33 ha / Tierarten*: 1300 / Eintritt: 15,50 € / Jahreskarte: 49 € / Besucher: 3,5 Mio

München: Tierpark Hellabrunn / Eröffnung: 1911 / Fläche: 40 ha / Tierarten*: 730 / Eintritt: 15 € / Jahreskarte: 49 € / Besucher: 2,5 Mio

Leipzig: Zoo Leipzig / Eröffnung: 1878 / Fläche: 26 ha / Tierarten*: 800 / Eintritt: 21 € / Jahreskarte: 76 € / Besucher: 1,6 Mio

Stuttgart: Wilhelma / Eröffnung: 1960 / Fläche: 30 ha / Tierarten*: 1200 / Eintritt: 20 € / Jahreskarte: 68 € / Besucher: 1,6 Mio

Berlin: Tierpark Berlin / Eröffnung: 1955 / Fläche: 160 ha / Tierarten*: 790 / Eintritt: 14 € / Jahreskarte: 49 € / Besucher: 1,4 Mio

Köln: Kölner Zoo / Eröffnung: 1860 / Fläche: 20 ha / Tierarten*: 840 / Eintritt: 19,50 € / Jahreskarte: 85 € / Besucher: 1,2 Mio

Hamburg: Tierpark Hagenbeck / Eröffnung: 1907 / Fläche: 19 ha / Tierarten*: 210 / Eintritt: 20 € / Jahreskarte: 100 € / Besucher: 1,1 Mio

Hannover: Erlebnis-Zoo Hannover / Eröffnung: 1865 / Fläche: 22 ha / Tierarten*: 200 / Eintritt: 26,50 € / Jahreskarte: 89 € / Besucher: 1,0 Mio

Nürnberg: Tiergarten Nürnberg / Eröffnung: 1912 / Fläche: 65 ha / Tierarten*: 300 / Eintritt: 16 € / Jahreskarte: 75 € / Besucher: 1,0 Mio

*ca.-Angaben, da Anzahl schwankend, Besucherzahlen = 2017; Quelle: Angaben der Zoo-Betreiber

Die große Attraktivität von Hellabrunn bringt natürlich auch Probleme mit sich - etwa den fast ständigen Stau an sonnigen Wochenenden. Sämtliche Überlegungen, die Belastung für Anwohner und auch Besucher zu verringern, sind bislang gescheitert: Die Pläne für ein Parkhaus im Landschaftsschutzgebiet wurden ebenso wenig umgesetzt wie die für eine Seilbahn vom Isarhochufer hinunter zum Tierpark. Und dann ist da ja neben dem Zoo noch eine weitere Attraktion, die vielen Thalkirchnern seit Jahren zunehmend Sorgen bereitet: Als die Pforten von Hellabrunn am Samstagabend schließen und sich ein Menschenstrom über die Tierparkbrücke in Richtung U-Bahn schiebt, sitzen Tausende am Isarufer und feiern den Frühling mit Partymusik und Grill - direkt hinter den Schildern, dass dort das Grillen verboten ist.

© SZ vom 01.04.2019
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