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Tiere:Wo Münchens Bienen fleißig Honig produzieren

Auf den Dächern der Pinakotheken, des Landtags und des Gasteigs stehen Bienenstöcke. Dort, hoch über der Rosenheimer Straße, waren die Insekten dieses Jahr besonders emsig.

Von Stephan Handel

Soso, die Herrschaften sind also grantig. Obwohl sie doch diesen einzigartigen Blick auf München haben, diesen Canaletto-Blick, schräg von oben auf die Stadt, in diesem Fall: Von der Anhöhe jenseits der Isar, wo Haidhausen beginnt. Für diese Perspektive, aus der der italienische Künstler 1761 seine München-Ansicht malte, haben die Herrschaften aber gerade keine Zeit - man kann ja schon etwas unleidig werden, wenn das Essen zur Neige geht, wenn 480 000 Individuen hungrig sind.

Karsten Kammerlander ist mit dem Radl zum Gasteig gekommen, mit seinem Lastenrad, dessen Koffer er passend bemalt hat: Lauter Bienen, und an der Stirnseite pappt ein Schild "Vorsicht Imker". Obwohl also ausreichend als Bienenfreund ausgewiesen, zieht Kammerlander eine Schutzjacke an und setzt diesen Hut mit dem Netz rundrum auf, durch den jeder Mensch sofort aussieht wie eine alte englische Lady bei der Tee-Party. Denn die Herrschaften, also Kammerlanders Bienen auf dem Dach des Gasteigs, sind grantig - und wie zum Beweis sticht ihn auch gleich eine durch den Handschuh in den Finger, kaum dass er einen der Rahmen mit den Waben dran aus dem Bienenstock gezogen hat.

Acht Bienenstöcke stehen auf einem der zahlreichen Dächer des Gasteig-Kulturzentrums, in diesem Fall: Mit dem Lift in den dritten Stock und dann noch ein paar Treppen, bis die Tür sich öffnet zum Canaletto-Blick. Die Stöcke gehören zum Projekt "München summt": Seit 2011 geben die Stadt und andere Institutionen ihre Dächer für die Ansiedlung von Bienen frei, so finden sich Stöcke unter anderem auf der Neuen Pinakothek und der Pinakothek der Moderne, dem Umweltministerium und dem Landtag, dem Gärtnerplatztheater - und eben dem Gasteig. Kammerlander betreut die Tiere dort seit fünf Jahren.

Hat jemand die Münchner Bienen je gezählt? Natürlich nicht, denn zum einen herrscht ein ständiger Austausch, eine Biene lebt ja nur ein paar Wochen. Zum anderen herrscht im Stock ein Gewusel, das jeden Zählfanatiker in den Wahnsinn treiben würde. Soviel nur: Ein gewöhnlicher Bienenstock hat etwa 60 000 Bewohner. Der Münchner Bezirksbienenzuchtverein weist laut seiner Chronik gut 250 Mitglieder aus, die mehr als 1000 Völker betreuen. Also gibt es gewiss eine Bienen-Population in zweistelliger Millionenhöhe.

Apropos Höhe: Hoch über der Rosenheimer und der Inneren Wiener Straße stehen die Stöcke auf dem Gasteig, aber das ist für die Bienen kein Problem - in der Natur bauen sie ihre Nester auch auf sechs bis acht Meter über dem Boden, damit der Bär nicht rankommt. Das ist auch der Grund, warum Karsten Kammerlander es vermeidet, irgendetwas Pelziges, Wuscheliges anzuziehen, wenn er zu seinen Bienen geht: Die Wächter würden sofort Bären-Alarm ausrufen, und dann wäre es mit einem harmlosen Stich in den Finger wahrscheinlich nicht mehr getan. So aber, mit Hut und Jacke aus glattem Kunststoff ausreichend geschützt, setzt Kammerlander den Imkermeißel an, das Ende mit dem Wabenheber, hebt den Rahmen heraus - und da ist er: der Honig, den die Menschen lieben und den die Bienen brauchen zur Aufzucht ihrer Nachkommenschaft.

"So 60 Kilo pro Stock werden's schon sein"

"Heuer war ein gutes Jahr", sagt Kammerlander: Viel Sonne, die Pflanzen blühten wie verrückt, da hatten die Bienen genug zu sammeln. Der Imker rechnet schnell im Kopf zusammen und meint dann: "So 60 Kilo pro Stock werden's schon sein." Das ist umso erstaunlicher, weil jede einzelne Biene während ihrer Lebenszeit nur eine Woche - im Umkreis von drei Kilometern um den Stock übrigens - herumfliegt und Nektar sammelt, der Honig, der daraus produziert wird, passt in einen Teelöffel. Aber so, wie Kleinvieh auch Mist macht, machen viele Bienen dann doch eine ansehnliche Menge Honig, auch wenn jede nur ein Löffelchen beisteuert.

Den Honig, den Kammerlander erntet, kauft der Gasteig ihm ab - so finanziert er sein Hobby, "leider noch nicht ganz", sagt er, für den Endverbraucher gibt es das 200-Gramm-Glas im Restaurant "Le copain" zu kaufen. Im Honig sind alle möglichen Pflanzen drin - die Bäume in den Maximilians-Anlagen, aber auch Blumen und anderes auf den Balkonen ringsum bieten den Bienen reiche Auswahl. Schadstoffe gelangen kaum in den süßen Seim: Die Tiere fliegen frische Blüten an, in deren Nektar sich noch kein Gift ansammeln konnte.

Im Sommer steigt Kammerlander mindestens alle acht Tage dem Gasteig aufs Dach, um nach seinen Bienen zu sehen. Dann, so sagt er, ignorieren ihn die Tiere fast völlig, weil sie mit Nektarsammeln vollauf beschäftigt sind. Aber selbst da kann der Imker Unterschiede zwischen den Völkern ausmachen: Zwei der acht sind deutlich aggressiver als die anderen, Kammerlander vermutet, dass da eine andere Rasse mit im Spiel ist. Deshalb öffnet er auch lieber einen Stock mit einem friedlichen Volk - und gleich summt und wuselt es wieder tausendfach bräunlich um ihn herum. Ja, bräunlich, denn Bienen sind braun, gelb-schwarz gestreift sind Wespen. Das erledigt dann übrigens auch eine Vorstellung in vielen Kinder- wie Erwachsenenköpfen: Die Biene Maja aus dem Zeichentrickfilm ist eine Wespe.

© SZ vom 03.09.2018/huy
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