Tiere Der Fuchs, der an der roten Ampel stehen bleibt

Die Füchse haben sich der Lebenssituation in München geschickt angepasst und sich die Zivilisation klug zu Nutze gemacht.

(Foto: Christian Lindenthaler)

In München leben etwa 5000 Füchse. Ihre erstaunliche Intelligenz hilft ihnen beim Überleben.

Von Daniel Gözübüyük und Melanie Staudinger

Nein, das ist kein roter Hund, der da die Ehrengutstraße entlangläuft. Sondern ein Fuchs, der sich bis ins tagsüber so geschäftige Dreimühlenviertel hineingewagt hat und sich nun im Schatten der Dunkelheit geschickt zwischen den parkenden Autos hindurchschleicht, um der nahenden Gefahr, dem nächtlichen Spaziergänger, zu entkommen. Was ihm mühelos gelingt. Die Begegnung, die den unbedarften Stadtbewohner überrascht, wundert Christian Lindenthaler nicht im Geringsten. "Der Fuchs ist ein Kulturfolger", erklärt der Natur- und Wildnistrainer. Ein Tier also, das sich die menschliche Zivilisation klug zu Nutze gemacht hat. Wer will schließlich schon auf dem Land umständlich nach Nahrung jagen, wenn er in der Stadt quasi einen gedeckten Tisch vorfindet?

Christian Lindenthaler und seine Lebensgefährtin Sarah-Céline Krächan betreiben eine Wildnisschule im beschaulichen Sachsenkam draußen im Tölzer Land. Doch einmal im Monat zieht es sie in die Stadt, zu ihrem Spurenleser-Club, einem offenen Treffen für Wildtierfreunde. "Wir haben festgestellt, dass die meisten Teilnehmer unserer Kurse aus München sind", erzählt Lindenthaler. Und so treffen sich jedes Mal fünf bis sechs Leute, die mit den Profis durch die Isarauen streifen, durch den Nymphenburger Park, den Englischen Garten, den Forstenrieder Park oder die städtischen Friedhöfe - und dort nach Füchsen, Vögeln und anderen Wildtieren Ausschau halten.

Die Teilnehmer lernen, als Spurenleser nicht durch die Gegend zu hetzen wie im Alltag, sondern ihre Aufmerksamkeit dahin zu lenken, wo es spannende Dinge zu erleben gibt. Dahin, wo sonst kaum jemand schaut: in Gebüsche, Grünränder und etwas abgelegene Ecken. Wildnissensibilisierung mitten in der Stadt. "Der Fuchs ist ein Grenzgänger", sagt Lindenthaler. Er sei überall dort zu finden, wo Natur auf Zivilisation treffe. Und weil die Tiere schlau sind, können sie sich fast an jede Gegebenheit anpassen.

5000 Füchse leben schätzungsweise in München. Sie finden Unterschlupf in den Isarauen, ziehen ihre Jungen in der Kanalisation groß, verstecken sich zwischen aufgelassenen Gleisen, in Schrebergärten oder Unterführungen. "Sie sind nicht besonders anspruchsvoll", sagt Wildbiologe Andreas König, der an der Technischen Universität München forscht. Und die Stadt biete viel Nahrung, so dass der städtische Fuchs hier gern in ganzen Familienverbünden zusammenlebe.

"Die Füchse fühlen sich hier einfach wohl"

Kartoffeln, gekochte Rüben oder Äpfel vom Komposthaufen isst der Fuchs ebenso gerne wie Pizzareste oder die achtlos weggeworfene Leberkässemmel. Süße Beeren, Früchte, Trauben mag er auch. Eigentlich stünden auch Regenwürmer, Insekten, Mäuse, Ratten und kleine Vögel auf seinem Speiseplan. Die aber kennen sich in der Stadt ebenfalls gut aus und sind daher keine leichte Beute. "In der Stadt jagen Füchse immer weniger, weil sie auch leichter an Nahrung kommen", sagt Spurenleser Lindenthaler. Was durchaus einen Nachteil hat: Denn Füchse eigneten sich hervorragend als Schädlingsbekämpfer - wenn man sie nicht unfreiwillig mit anderem Kram vollfüttere. Also lieber den Müll fuchsdicht wegsperren, empfiehlt der Wildnis-Experte.

Anders als in der freien Natur lassen sich die dämmerungs- und nachtliebenden Füchse in besiedelten Gebieten auch tagsüber blicken. An den Lärm auf den Straßen und die bedrohlichen Autokolonnen hätten sie sich längst gewöhnt, erklärt TU-Forscher König. Und das Klima fänden sie prima - schließlich sei es wegen der dichten Bebauung und den beheizten Häusern in den Straßenschluchten wesentlich wärmer als auf zugigen Feldern. Dadurch bekommen die Weibchen auch schon im Frühling Junge. Der Nachwuchs hat ausreichend Zeit, groß und stark zu werden, bevor der kalte Winter einbricht. Optimale Bedingungen also. "Die Füchse fühlen sich hier einfach wohl", sagt König.

Gefahr durch Fuchsbandwurm

So harmlos sein Name klingt: Der Fuchsbandwurm ist ein Parasit, der für den Menschen lebensgefährlich sein kann. Der reife Wurm lebt im Darm des Fuchses, selten auch bei Hund und Katze. Er erreicht eine Größe von drei bis fünf Millimetern. Die Eier gelangen mit dem Kot der Tiere ins Freie. Der Mensch kann sich infizieren, wenn er solche ausgeschiedene Eier isst. Dies geschieht durch den Verzehr von rohen, bodennahen Früchten und von Gemüse oder durch den Kontakt mit dem Fell von infizierten Füchsen, Hunden oder Katzen. Das Risiko ist für den Menschen im Vergleich zum Nagetier relativ gering, nur zehn Prozent der Infizierten erkranken tatsächlich. Aus den Eiern können Bandwurmlarven schlüpfen, die sich bevorzugt in der Leber fest setzen, wo sie langsam tumorartige Wucherungen verursachen. Experten empfehlen daher, Obst und Gemüse, das vom Boden aufgesammelt wurde, nur zu verzehren, wenn es vorher auf mindestens 60 Grad erhitzt wurde. Waschen alleine tötet die Erreger nicht ab. mest

Und ihre Intelligenz hilft ihnen beim Überleben: Die Tiere seien so clever, dass sie beispielsweise Farben unterscheiden könnten. So wurden im Stadtgebiet Füchse gesichtet, die bei Rot an der Ampel stehen blieben und sich erst bei Grün über die Kreuzung wagten. "Wenn sie unbeschwert bei Rot über die Straße laufen würden, dann gäbe es bald keine Füchse mehr", erklärt der Wildbiologe. Allerdings bleiben Füchse trotz aller Nähe zum Stadtbewohner Wildtiere.

Menschen sollten sie daher nicht füttern oder gar streicheln. Denn fühlen sich die Tiere in die Enge getrieben oder bedroht, können sie schon mal zuschnappen. "Sie lassen sich nicht zähmen", sagt König. Angst oder Panik muss man dennoch nicht haben. Das bestätigt auch Spurenleser Lindenthaler: Füchse seien eher scheue und ruhige Tiere - und damit für den Menschen, der ihre Grenzen respektiere, ungefährlich.

In der Serie "Wildes München" stellt die SZ besondere Tiere in der Stadt vor. Am Freitag lesen Sie: Turmfalken.

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