Kritik:Irgendwie weiterleben

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Kritik: Schlicht und wuchtig: Barbara Wurster und Florian Walter als traumatisierte Eltern.

Schlicht und wuchtig: Barbara Wurster und Florian Walter als traumatisierte Eltern.

(Foto: Birgit Hupfeld)

"Tiefer Grund" im Bamberger ETA Hoffmann Theater - eine bedrückende, beeindruckende Inszenierung.

Von Florian Welle, Bamberg

Begreifen wollen, was nicht zu begreifen ist: Auch acht Jahre nach dem Amoklauf ihres 15-jährigen Sohnes, bei dem er an seiner Schule acht Kinder und anschließend sich selbst getötet hat, fragen sich seine mittlerweile getrennt lebenden Eltern, wie es sein konnte, dass Erik zum Mörder wurde. "Wie wird man so. Ich meine. Waren wir so lieblos", stammelt der Vater einmal verzweifelt. "Tiefer Grund" heißt das neueste Auftragswerk, das Björn SC Deigner für das ETA Hoffmann Theater geschrieben hat. Das beklemmende Zwei-Personen-Stück, das am Wochenende auf der dortigen Studiobühne seine Uraufführung erlebte, führt die Eltern in einem Friedwald zusammen, wo ihr Sohn begraben liegt. Doch nicht der jugendliche Täter und seine Beweggründe stehen im Vordergrund, sondern die von Schuldgefühlen geplagten Eltern, die irgendwie weiterleben müssen.

Gleichwohl werden Erklärungen für Eriks Tat genannt: kein sozialer Kontakt, Minderwertigkeitsgefühle und seine Radikalisierung in rechtsextremistischen, antisemitischen und frauenverachtenden Chatforen. Vor allem in den Rückblenden auf die Zeit vor und nach dem Attentat erinnert "Tiefer Grund" an die Amokläufe der letzten Jahre, vom OEZ-Attentat 2016 bis zu den Anschlägen von Halle, Christchurch und Hanau 2019 und 2020. Intendantin Sibylle Broll-Pape und ihre langjährige Bühnenbildnerin Trixy Royeck haben die Bühne in schummriges Licht getaucht. Zwei verschiebbare Stellwände deuten mal den Friedwald, mal das frühere Elternhaus an. Davor zwei Stühle. Die nur eine Stunde dauernde Inszenierung ist von großer Schlichtheit und entfaltet gerade dadurch eine enorme emotionale Wucht.

Barbara Wurster und Florian Walter überzeugen als traumatisierte Eltern zwischen Erinnern-Müssen und Vergessen-Wollen. Es sind kleine Gesten, mit denen sie ihren Gemütszustand ausdrücken. Verschränkte Arme als Schutzhaltung hier, nestelnde Finger als Ausdruck der Hilflosigkeit dort. In einem Moment machen sie sich gegenseitig Vorwürfe, um im nächsten sich alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Zwei verlorene Seelen, für die jeder Tag einen neuen Kampf bedeutet.

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