Thomas und Silvana Prosperi lebten in ihrer Anfangszeit in einem romantischen Zirkuswagen, ihrem „Wagoni“, und fühlten sich dabei wie die fal(t)schen Nomaden. So entstand der Name Faltsch Wagoni, der seit fast vier Jahrzehnten ein Markenzeichen ist für ihre unnachahmliche Mischung aus Poesie, Musik und Kabarett. Das Künstlerehepaar beleuchtet das Leben mit Selbstironie und Skepsis und thematisiert immer wieder die Brüchigkeit der Wahrheit und die Absurditäten des Alltags. So gesellschaftskritisch sie sind, immer entziehen sie sich in ihren besonderen, mitunter geradezu philosophischen Programmen der Tagesaktualität. In ihrem aktuellen Programm „Die letzten Ironesen“, das sie am 28., 30. und 31. Dezember in der Pasinger Fabrik zeigen, blicken sie auf das „Land des Schwächelns“ mit selbstironischer Skepsis und gleichzeitig heiterer Zuversicht.
Montag: Beatles und Balkan

Für uns Bühnenmenschen, die oft am Wochenende arbeiten, ist der Montag der Sonntag, also Wochenende. Heute kommt Freude auf, denn der kürzeste Tag des Jahres liegt gerade hinter uns und die Aussicht auf mehr Licht gibt der Unternehmungslust Auftrieb. Aber wie gesagt, es ist eigentlich Montag und Montag ist der Tag, an dem ich immer wieder vor verschlossenen Türen stehe, weil ich vergessen habe, dass Montag ist. Wie gerne würde ich mal wieder auf ein Konzert gehen, Musik, zu der man den wintermüden Körper bewegen kann. Auf der Suche danach stoße ich dann doch noch auf ein Konzert. Bei Tollwood spielen am Nachmittag um halb fünf die Stray Colors, eine Münchner Band, die Beatles mit Balkan vereint. Mal sehen, ob genug Balkan dabei ist, um mich in Schwung zu bringen.
Dienstag: Was Feines im Café

Dienstag ist der Tag, an dem die Menschheit wieder erreichbar ist. Es werden Kontakte gepflegt, Geschäfte getätigt, Verträge geschlossen und Behörden attackiert. Aber halt, da war doch noch etwas! Das hatte ich fast völlig aus meinem Bewusstsein verbannt: Weihnachten. Dann allerdings ist dieser Dienstag kein normaler Tag, sondern der Tag, an dem Geschäfte woanders stattfinden, nämlich da, wo gestresste Mitbürger auf ihrer Last-Minute-Geschenke-Jagd durch die Innenstadt hetzen. Ich muss da glücklicherweise nicht mitmachen, denn als Verfasser eines Songs aus den frühen Achtzigerjahren bin ich da fein heraus: „Kauf mir nichts, schenk mir deine Liebe, aber kauf mir nichts“. Das gilt natürlich auch in der Umkehrung: „Ich schenk dir meine Liebe, aber kauf dir nichts“.
Stattdessen stürze ich mich in ein Alltagsabenteuer in Form einer Slalomfahrt mit dem Wagen durch die Fürstenrieder Straße. Hier wird seit Anfang 2024 an der Tramstrecke Westtangente gebastelt. Die Baustelle ist ein logistisches Verkehrswunder, denn, o Wunder, der Autoverkehr fließt einspurig hindurch, wo er vorher auf drei Spuren floss. Ständig nimmt die Fahrbahn einen neuen Schlingerkurs durch die geplagte Straße. Erstaunlich, was für ein immenser logistischer Aufwand in einem simplen Trambahn-Projekt steckt.
Von dort aus geht es weiter ins Café Ruffini. Wenn in München (neben Frauenkirche oder Hofbräuhaus) etwas länger existiert als Faltsch Wagoni, dann ist es ja wohl das Café Ruffini, das älteste kollektiv geführte Unternehmen wahrscheinlich weltweit. Heute genehmigen wir uns etwas Gutes aus der kleinen, feinen Küche bei einem gepflegten Glas Wein.
Mittwoch: Interkultureller Treffpunkt

Am Nachmittag verbringe ich zwei Stunden mit Geflüchteten aller Damen und Herren Länder – Ukraine, Afghanistan, Eritrea, Georgien, Kongo – in einer beschwingten Plauderrunde, getarnt als Deutschkurs mit mir als vermeintlichem Deutschlehrer im Café Blabla in Herrsching, unserem interkulturellen Treffpunkt, der gerade sein Zehnjähriges gefeiert hat.
Aber hoppla, fast hätte ich es schon wieder vergessen: Heute ist ja der 24., also Heilig Abend. Da komme ich um meine Familie nicht herum, will ich auch gar nicht! Aber den Kurs werde ich auf keinen Fall ausfallen lassen und meine „Schülerinnen“ werden es mir danken, denn für sie findet Weihnachten sowieso kaum statt. Aber danach geht’s sofort nach München zur internationalen Großfamilie zum Schlemmen und Wichteln bei Kerzenschimmer.
Donnerstag: Das Vergängliche festhalten

Heute lese ich von James Joyce das Buch „Dubliner“ zu Ende, das schon Jahrzehnte in meinem Bücherregal ungelesen vor sich hin gilbte, bevor ich es kürzlich mangels aktueller Literatur herausgegriffen habe. Mir gefällt die Sprachkunst des Iren, die mich selbst durch die Übersetzung hindurch anspringt, obwohl mich mit Irland (außer der EU) wenig verbindet. Joyce schrieb sein Buch im Jahr 1914 in Triest, das noch weiter von Dublin entfernt ist als ich hier in München. Er setzte sich darin in feinstem Sarkasmus mit seinen Landsleuten auseinander, etwa mit ihrer von Whisky und Halbwissen getränkten Pseudo-Religiosität, was insofern ganz gut in die Jahreszeit passt, als jetzt wieder das Halleluja aus allen Lautsprechern trällert.
Dann will ich mir noch die Ausstellung „Was zu verschwinden droht wird Bild“ im Lenbachhaus anschauen. Es ist sicher kein Fehler, sich mal wieder vor Augen zu führen, was der Hauptakteur des Anthropozän angerichtet, respektive auf Nimmerwiedersehen verloren hat.
Freitag: Dadaistisches Theaterstück

Heute muss ich auf jeden Fall etwas für meine Gitarrenfinger tun, denen die Hornhäute viel zu schnell schwinden, wenn ich länger nicht gespielt habe. Am Nachmittag gibt es dann im Marstall eine Vorstellung, die mich neugierig gemacht hat, eine sogenannte „Wortpartitur“ mit dem unaussprechlichen Titel „Und oder oder oder oder und und beziehungsweise und oder beziehungsweise oder und beziehungsweise einfach und“. Als Duo-Hälfte eines Duos, dem in der Vergangenheit immer wieder eine gewisse sprachakrobatische Kunstfertigkeit unterstellt wurde, will ich mir das nicht entgehen lassen.
Samstag: Suchende Künstlerseele

Am 27. hat meine Frau und Bühnenpartnerin Silvana Geburtstag. Eigentlich ein undankbarer Termin, aber immer eine Geburtstagsparty wert. Da wir aber am nächsten Tag unseren ersten von drei Auftritten in der Pasinger Fabrik absolvieren dürfen, wollen wir es dieses Jahr ruhiger angehen. Silvana war und ist ein großer Fan von David Bowie. Was läge also näher, als die Ausstellung „A day with David Bowie“ in der Alten Paketposthalle zu besuchen. Eine Fotoserie in Schwarz-Weiß. Ich liebe Schwarz-Weiß, ich liebe Schwarz-Weiß-Filme, ich bin ein Kind des Schwarz-Weiß-Fernsehens und oft ist es mir viel zu bunt, sei es auf dem Bildschirm oder auf der Leinwand.
Anschließend begeben wir uns in das afghanische Restaurant Hewad (Unterer Anger) und essen Borani, eine Reisspeise aus gebratenem Reis. Afghanen, die wir durch unsere gemeinsame Flüchtlingsarbeit kennen und schätzen lernten, haben uns in die afghanische Küche eingeweiht. Dazu trinken wir Dogh (gewürzter Trinkjoghurt), das in diesem kleinen, gemütlichen Restaurant besonders gut gewürzt ist.
Sonntag: Satirische Revue

Heute müssen die Kultursuchenden zu uns kommen, also nicht zu uns nach Hause, sondern in die Pasinger Fabrik. Dort spielen wir um 18 Uhr unser Programm. Als „Ironesen“ lassen wir nochmal all die gesellschaftspolitischen Themen, die uns bewegen, musikalisch, poetisch und satirisch Revue passieren. Da will ich auf jeden Fall dabei sein.

Thomas Prosperi ist ein Teil des Duos „Faltsch Wagoni“, das seit 1982 Musiktheater macht. Zusammen mit seiner Frau Silvana bereichert er seither mit Programmen wie „Ladies first, Männer förster“ oder „Deutsch ist Dada hoch 3“ die deutsche Kabarett- und Kleinkunstszene. Mit viel Selbstironie, Sprachwitz und mitreißenden Songs zeigen die beiden Partner-Zankereien auf amüsante Art. Sie selbst bezeichnen sich als Sänger, Musiker, Darsteller, Bühnenbildner, Texter, Regisseure, Kabarettisten, Instrumentenerfinder und Komponisten. Ihre Arbeit und ihr Leben betrachten sie als Gesamtkunstwerk.

