Ein virtueller Rasen leuchtet im Hintergrund, ein Ex-Profi und ein Moderator unterhalten sich auf der Bühne - vieles erinnert an einen Fußballtalk. Doch manches irritiert: Die Zuschauer tragen Hemden statt Trikots, die Redner trinken Wasser statt Bier und der Protagonist des Montagabends ist kein schimpfender Poltergeist.
Der ehemalige Fußballspieler Thomas Hitzlsperger und der Sportjournalist Jochen Breyer sind im Literaturhaus München zu Gast. Sie sprechen über Hitzlspergers Buch, das er gemeinsam mit dem SZ-Autoren Holger Gertz verfasst hat. Es trägt den Titel "Mutproben", nicht "Ich hab's allen gezeigt" (Stefan Effenberg) oder "Eigentlich bin ich ein super Typ" (Mario Basler). Es erzählt von dem Mut, der ihn als Jugendlicher nach Birmingham führte, ihm eine Europakarriere ermöglichte und ihn danach zur Ausnahmefigur machte.
Für Thomas Hitzlsperger ist der Abend ein Heimspiel. Er stammt aus Forstinning im Landkreis Ebersberg. Bruder, Onkel und Cousine sitzen im Publikum. Und auch auf der Bühne des Literaturhauses wirkt er schnell heimisch. Einzig für Tanja Graf, Leiterin des Literaturhauses, scheint die Kluft zwischen Fußball und Literatur anfangs sehr groß. In ihrer charmanten Einführung erwähnt sie beflissen, dass Hitzlsperger ein Lieblingsbuch habe ("Das Leben meiner Mutter" von Oskar Maria Graf) und bei Literaturkritiker Dennis Scheck aufgetreten sei.
Auf dem echten Rasen glänzte Hitzlsperger vor allem durch die Wucht seines unvergleichlichen linken Fußes (Spitzname: "Hitz, the Hammer"). Vor dem virtuellen Rasen agiert er hingegen elegant, eloquent und nachdenklich. Der linke Fuß ruht gezähmt unter dem Tisch. Hitzlsperger erzählt von seiner Karriere, besonders ausführlich von den Tiefen. Statt über die Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart 2007 oder die Europameisterschaft 2008 liest er eine Passage über seine Zeit bei Lazio Rom vor. Einsam wohnte er im Hotel, spielte nicht, wenn doch, schlecht. Er zeigt sich verletzlich. In Fußballtalks sind solche Einblicke sehr selten.
Wunderbar harmonisch ist das Zusammenspiel mit Breyer, nicht nur, weil beide ein Langarm-Polo tragen, das durch Xabi Alonso zur Uniform des gut aussehenden Mannes im Fußball wurde. Sie teilen den kritischen Blick auf den Sport, beide recherchierten zu den Abgründen der Weltmeisterschaft in Katar. Es ist spürbar, dass sie miteinander befreundet sind, virtuos spielen sie Doppelpässe.
Schwulenfeindliches Geschwätz in der Kabine
Ihre Freundschaft hat sie bereits vor zehn Jahren zu einem Gespräch zusammengeführt. Eigentlich wollte Claus Kleber ihn für das heute-journal unbedingt selbst befragen, doch Hitzlsperger war nur bereit, mit Breyer zu sprechen. Als das Video des einzigen Fernseh-Interviews direkt nach seinem Coming-out eingespielt wird, scheint Hitzlsperger das erste Mal an diesem Abend verlegen. Womöglich wegen seiner alten Frisur, womöglich weil der Tag für ihn so wichtig ist. Und auch für Deutschland, sagt Breyer. Hitzlsperger wiegt bescheiden den Kopf.
Er bietet intime Einblicke in die lange Vorbereitung auf diesen Tag. Der richtige Moment für das Coming-out sei während seiner Karriere nie gekommen, vor allem, weil er in der Kabine schwulenfeindliches Geschwätz gehört habe. Auch privat sei es nicht leicht gewesen. Er kommt aus einem Umfeld, in dem "nicht die Grünen" gewählt wurden, schwul zu sein war eine "Form der Andersartigkeit, die nicht akzeptiert wurde". Er erzählt von dem Moment, in dem er es seinen Eltern sagte, sich davor mit Bier Mut antrinken musste.
Er wirbt für Toleranz, auch an Schulen
Viel Zeit ist vergangen seit dem Interview. Vieles hat sich geändert. Es haben sich mehrere Fußballspieler geoutet. Doch bislang keiner in Deutschland. Hitzlsperger spricht Mut zu, für ihn gibt es hierzulande "kein Argument, warum man seine sexuelle Orientierung verstecken müsste". Er wirbt für Toleranz, spricht nicht nur im Literaturhaus, sondern auch an Schulen.
Ein wenig Fußballtalk muss natürlich auch an diesem Abend sein, zu drängend ist die Lage beim FC Bayern. Hitzlsperger hat dort in der Jugend gespielt - obwohl er aus einer Löwen-Familie kommt. Er fragt in das Publikum: "Hat jemand einen Trainerschein?" Schade, dass Hitzlsperger nicht den Weg auf eine Trainerbank angestrebt hat. Doch andererseits: Solch ein Abend und solch ein Buch würden sehr fehlen.
Als "Suchender" beschreibt Holger Gertz Hitzlsperger. Dies habe ihn im ersten Moment verletzt, sagt der, 42 Jahre alt und noch immer auf der Suche. Doch ohne Zweifel ist es besser, nach Antworten zu suchen, als sie ohne Suche zu geben, wie dies in Fußballtalks immer wieder geschieht. Dort wird häufig beklagt, es gebe keine "echte Typen" mehr im deutschen Fußball. An diesem Abend wird wieder einmal deutlich: Hitzlsperger ist einer.

