30 Jahre Oper für alle in MünchenThomas Gottschalk: Moderator für alle

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„Pavarotti wäre im Gerüst hängen geblieben.“ Thomas Gottschalk, wie man ihn kennt, 2011 bei seiner Premiere als Moderator bei  „Oper für alle“ auf dem Max-Joseph-Platz, auf dem Programm stand Beethovens „Fidelio“.
„Pavarotti wäre im Gerüst hängen geblieben.“ Thomas Gottschalk, wie man ihn kennt, 2011 bei seiner Premiere als Moderator bei  „Oper für alle“ auf dem Max-Joseph-Platz, auf dem Programm stand Beethovens „Fidelio“. Stephan Rumpf

Nina Eichinger, Nina Ruge oder aktuell Steven Gätjen haben „Oper für alle“ schon moderiert. Warum man trotzdem einen wie Thomas Gottschalk vermisst.

Von Jutta Czeguhn

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Die da drinnen, die da draußen. Wenn man es in 30 Jahren „Oper für alle“ jemanden abgenommen hat, dass es für ihn keine Grenze gibt zwischen diesen beiden Welten, dann Thomas Gottschalk. Wohl weil der Franke aus Kulmbach dieses speziell Münchnerische „Wer reinkommt, ist drin“-Gehabe (nach Helmut Dietls „Kir Royal“) immer schon als lustiges Kasperltheater betrachtet hat. Und wenn schon Kasperltheater, dann wollte er der Oberkasperl sein. Auch bei Oper für alle, dem er als Moderator typische Gottschalk-Momente bescherte. Von allen, die hier zum Mikro gegriffen haben im Laufe der Jahre, ist Gottschalk am stärksten in Erinnerung geblieben. Mit Sicherheit hätte er auch aus der „Walküre“-Übertragung an diesem Samstag, 4. Juli, sein Ding gemacht.

Ein Gscheithaferl, das den Menschen vor dem Nationaltheater musikologisches Herrschaftswissenswertes vom Memo-Kärtchen vorliest – in dieser Rolle wäre der Thomas Gottschalk völlig fehl besetzt gewesen. Dafür hatte ihn Staatsintendant Nikolaus Bachler im Sommer 2011 (ohne Gage) auch nicht engagiert. Das war übrigens das Jahr, in dem Gottschalk mal wieder seinen Abschied von „Wetten, dass..?“ verkündete. Ein ziemlicher Coup also für die Staatsoper.

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Der öffentliche Raum war für ihn eine Blumenwiese, dann sah er nur noch Landminen: zum 75. Geburtstag von Thomas Gottschalk, des größten Ich-Erzählers des deutschen Unterhaltungswesens.

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Apropos „Wetten, dass..?“. Wie Gottschalk das angehen würde, die Sache mit der Oper, man hatte es ahnen können. Zumindest jene, die am Samstag, 3. September, im Jahr 1983 schon auf der Welt waren und vor dem Röhrenfernseher saßen: Frank Elstner moderierte die Sendung damals noch. Dann kam die Außenwette, die Maria Schell zugeteilt war. Ein Mann würde seinem Bruder aus 80 Meter Entfernung Weintrauben in den Mund werfen. Sollte sie verlieren, so der kühne Wetteinsatz der Schauspielerin, würde sie mit Plácido Domingo ein Stück aus der Oper „La Traviata“ trällern wollen.

Schalte ins Berliner Olympiastadion, wo Thomas Gottschalk als Schiedsrichter in Mickey-Maus-Shirt und brauner Lederjacke die Wette überwachte. Noch ehe die ersten Trauben flogen, kalauerte er: „In der Ferne hör’ ich ein Flugzeug vorbeikommen. Das ist Plácido Domingo auf der Flucht.“ Und Maria Schell, die so wundervoll lächeln konnte, applaudierte charmant.

Unters Volk gemischt: der damalige Staatsintendant Nikolaus Bachler (l.) und Moderator Thomas Gottschalk verfolgen 2011 im Publikum die Übertragung von „Fidelio“.
Unters Volk gemischt: der damalige Staatsintendant Nikolaus Bachler (l.) und Moderator Thomas Gottschalk verfolgen 2011 im Publikum die Übertragung von „Fidelio“. Stephan Rumpf

Am 8. Juli 2011 auf dem Max-Joseph-Platz erleben dann 10 000 Münchner einen lässigen Thomas Gottschalk im weißen Shirt unter dem schwarzen Frack, der zusammen mit Nikolaus Bachler das Bad in der Menge sucht und sich mit ihm eine Picknickdecke teilt. Eine Rolle, in der sich der Moderator sichtlich wohler fühlt als der Intendant. Das Angebot der Staatsoper, den Beginn von Ludwig van Beethovens „Fidelio“ bei den feinen Herrschaften drinnen mitzuverfolgen, hat zuvor Gottschalk ausgeschlagen.

Als eine „Mischung aus Reiseleiter und Pausenclown“, so sein eigenes Rollenverständnis, führt er durch die Live-Übertragung, die zum ersten Mal auch im Internet gestreamt wird. Und klar, dass er kommen muss, dieser Kalauer, über das Kletterlabyrinth auf der Bühne: „Pavarotti wäre im Gerüst hängen geblieben.“ Drinnen im Nationaltheater ist er dann doch irgendwann, der Gottschalk; nicht weil es mit Beginn des zweiten Aktes zu regnen begonnen hat, sondern für seine Garderoben-Interviews mit Anja Kampe (Leonore) und Jonas Kaufmann (Florestan).

So geht man über den roten Teppich: Thomas Gottschalk bei Oper für alle 2015. 
So geht man über den roten Teppich: Thomas Gottschalk bei Oper für alle 2015.  Alessandra Schellnegger

Gottschalk, der Dauergast bei den Festspielen in Bayreuth und Salzburg, kehrt dann erst 2015 zurück zu Oper für alle. In den Jahren dazwischen haben Nina Ruge und Nina Eichinger das Open-Air-Spektakel moderiert. Diesmal nun gibt es Puccinis „Manon Lescaut“, wieder mit Jonas Kaufmann. Gottschalk, ganz in weißem Leinen und in Plauderlaune, berichtet dem Münchner Publikum, wie er die Woche zuvor die Eröffnungspremiere von Katharina Wagners „Tristan und Isolde“ überstanden hat. 2017 begleitet Gottschalk die Münchner dann kurzweilig durch knapp fünf Stunden „Tannhäuser“ und 2018 durch sechs Stunden „Parsifal“ (inklusive Pausen).

Sie hat insgesamt am häufigsten Oper für alle moderiert: Nina Eichinger mit Gast Florian David im Festspielsommer 2023.
Sie hat insgesamt am häufigsten Oper für alle moderiert: Nina Eichinger mit Gast Florian David im Festspielsommer 2023. Wilfried Hösl

Und 2021 – Corona – sitzen sie drinnen im Nationaltheater im Schachbrett-Abstand mit Maske, draußen auf dem Marstallplatz dürfen sie „oben ohne“. Endlich teilen die Münchner wieder Freude, Weißwein und auch den Abschiedsschmerz. Sie erleben Kirill Petrenko zum letzten Mal als Generalmusikdirektor dirigieren. Zum letzten Mal singt das Traumpaar der Bayerischen Staatsoper, Jonas Kaufmann und Anja Harteros, gemeinsam „Tristan und Isolde“. Und zum letzten Mal wird Thomas Gottschalk Oper für alle moderieren. Mit einem dieser Gottschalk-Momente, wenn er einen sehr wichtigen Menschen vom Sponsor BMW bittet, doch kurz mal sein Skript zu halten, damit er seine in Altherrenmanier etwas nach unten verrutschte Hose hochziehen könne. Der Sponsor reagiert mit absoluter Contenance.

Souverän und mit hanseatischer Zurückhaltung: Steven Gätjen führt seit 2024 durchs Programm bei Oper für alle.
Souverän und mit hanseatischer Zurückhaltung: Steven Gätjen führt seit 2024 durchs Programm bei Oper für alle. Geoffroy Schied

Seit 2024 moderiert Steven Gätjen Oper für alle. Souverän, mit angenehmer hanseatischer Zurückhaltung. Und doch fehlt etwas, das Unberechenbare, Spontane, das einen gewissen Unernst offenbart und, Autsch!, auch mal im Fremdschämen endet. Thomas Gottschalk fehlt bei Oper für alle. Weil er den Leuten auf dem Max-Joseph-Platz stets das sichere Gefühl vermittelte: Würde es doch mal ganz unerträglich fad werden im „Fidelio“, im „Parsifal“ oder „Tristan“, und würde man Fluchtinstinkte entwickeln, der Gottschalk würde sich einem nicht in den Weg werfen. Nein, er würde das Moderatoren-Kärtchen einstecken in sein exaltiertes Sakko und einfach mitkommen, auf ein kühles Bier.

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