Kurzkritik:Leuchtender Klang

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Das Weihnachtskonzert des Thomanerchors im Herkulessaal

Von Michael Stallknecht

Alle Jahre wieder - kommen auch die Knabenchöre über die Erde nieder. Beziehungsweise über die Konzertsäle. Nicht so in den vergangenen beiden Jahren: Da konnten die jüngsten Profichöre kaum singen, geschweige denn reisen. So ist es vielleicht das schönstmögliche Zeichen für eine Normalisierung, wenn der Thomanerchor einen Weihnachtsliederabend bestreitet, vor einem bestens besuchten Herkulessaal.

Wer trotzdem abwinkt, kennt Weihnachtslieder wahrscheinlich nur von schlecht intonierten Blockflöten. Und nicht in den dichten, harmonisch anspruchsvollen a-cappella-Sätzen, in denen sie die Leipziger singen: von Michael Praetorius, Johannes Brahms oder Max Reger, auf dem bemerkenswert satten Bassfundament der älteren Männerstimmen. Ehrensache, dass auch Bearbeitungen ehemaliger Thomaskantoren darunter sind, von Sethus Calvisius aus dem frühen 17. bis zu Erhard Mauersberger im 20. Jahrhundert.

Schließlich sind die Thomaner erstmals mit ihrem neuen Kantor zu Gast: Andreas Reize, der das Amt im vergangenen Herbst unter schwierigsten Bedingungen angetreten hat, als, wie in Leipzig gern gezählt wird, 18. Nachfolger Johann Sebastian Bachs. Reize ist ein kontrollierter, aber dynamischer Chef: Reich ist die Bandbreite, die er dem Chor etwa in "König der Könige" von Gustav Brandt abgewinnt, lebendig die Begegnung zwischen den Chorgruppen in "Tröstet, tröstet mein Volk", das Heinrich Schütz 1648 den Thomanern gewidmet hat, oder Felix Mendelssohns Vertonung des zweiten Bibelpsalms (op. 78/1). Da wird auch der Text plastisch, den Reize mit seinem Chor sonst manchmal noch nuancierter gestalten könnte.

Eher als Mann zügiger Tempi bekannt, lässt er sich hier ebenso auf Stimmungsvolles ein: bei "Maria durch ein Dornwald ging" im Satz von Günter Raphael, in dem die Thomaner auch solistisch zu hören sind, oder in "There is No Rose of such Vertu", dem uralten englischen Weihnachtslied. Die Thomaner singen den Satz von Fredrik Sixten in schwebender Langsamkeit, mit von innen leuchtendem Klang. Zum ersten Mal seit 2019 ist die Vorweihnachtszeit wieder betriebsam. Das kann man genießen - die stillen Momente aber auch.

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