Therapie für Sexualstraftäter Mehr Therapie, mehr Sicherheit

Nahe dem Hauptbahnhof sollen entlassene Straftäter psychologisch betreut werden. Damit soll das Therapieangebot verbessert werden.

Von Bernd Kastner

Bayerns erste psychotherapeutische Fachambulanz für Sexualstraftäter nimmt in München ihre Arbeit auf. Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) hat die vom Evangelischen Hilfswerk getragene Einrichtung am Montag eröffnet. Ziel ist es, die Rückfallquote zu reduzieren. Bislang ist die therapeutische Hilfe für Sexualstraftäter speziell nach der Haftentlassung mangelhaft.

Blumen, Kerzen und ein Foto der ermordeten Carolin liegen 2005 in der Rostocker Heide bei Gelbensande. Die 16-jährige Carolin wurde im Sommer 2005 nahe Rostock von einem bereits vorbestraften Vergewaltiger missbraucht und ermordet. (Wiederholungs-)Taten wie diese wollen die Gründer des Zentrums durch die Therapie verhindern.

(Foto: Foto: ddp)

Einen "Meilenstein" nannte Merk die Eröffnung der Ambulanz in der Nähe des Hauptbahnhofes. Zwei Psychologen sollen fortan etwa 60 bis 70 Klienten betreuen: Straftäter kurz vor oder nach der Haftentlassung sowie Verurteilte, die zwar nicht ins Gefängnis müssen, aber eine Therapie als Bewährungsauflage absolvieren müssen.

Hilfe sollen in der Fachambulanz aber auch Personen finden, die noch nicht straffällig geworden sind, aber von sich aus ein psychisches Problem erkennen, weil sie unter entsprechenden Phantasien leiden, und aus eigenem Antrieb Hilfe suchen. Die Eröffnung der Anlaufstelle ist eine der Konsequenzen, die nach dem Sexualmord an dem neunjährigen Peter 2005 in München gezogen wurden.

Mitunter werden entlassene Sexualverbrecher zu Wiederholungstätern; Peters Mörder gehört zu dieser Gruppe. Der Staat müsse sich verstärkt um solche Personen kümmern, so Merk, die Verantwortung der Justiz für die Täter "endet nicht mit der vollen Verbüßung der Strafe". Bislang gibt es aber große Probleme, für alle der gut 400 Sexualstraftäter in Bayern, die eine Therapie absolvieren müssen, Behandlungsplätze zu finden.

Viele niedergelassene Psychotherapeuten scheuten deren Betreuung, vor allem weil sie um den Ruf ihrer Praxis fürchteten. Gordon Bürk, Geschäftsführer des zur Inneren Mission gehörenden Evangelischen Hilfswerks, bestätigt dies: "Die Versorgungslücke führt dazu, dass zunehmend Sexualstraftäter mit Therapieauflagen entlassen werden, ohne dass ihnen ein entsprechender Therapieplatz zugewiesen werden kann."

Rückfallquote auf ein Prozent reduziert

Das bayerische Justizministerium finanziert die neue Einrichtung mit jährlich 300. 000 Euro, vorerst für drei Jahre. Sollte sie sich bewähren, werde man sie weiterführen, versprach Merk.Am Erfolg zweifeln die Fachleute nicht. Ein erstes derartiges Projekt in Stuttgart, es besteht seit rund zehn Jahren, habe die Rückfallquote dort auf ein Prozent reduziert, berichtet Markus Feil, Leiter der neuen Münchner Ambulanz. Er rechnet nun auch für Oberbayern, sein Einzugsgebiet, dass etwa ein Drittel weniger Sexualstraftäter rückfällig werden.

Die Klienten sollen dort wie in einer gewöhnlichen Praxis in Einzel- und Gruppengesprächen therapiert werden. Eine Behandlung sei aber nur möglich, wenn sie mit der gelockerten Schweigepflicht einverstanden seien: Die Ambulanz werde den Behörden melden, wenn man eine Gefährdung erkenne.

Zuerst gelte es, ihre Motivation zu fördern, so Feil. Die meisten Klienten sträubten sich nämlich zunächst gegen eine Therapie. Laut Gesetz können entlassene Sexualstraftäter zwar gezwungen werden, sich in einer Einrichtung vorzustellen. Nehmen sie die Therapie dann aber nicht auf, habe der Staat keine weiteren Zwangsmittel.

Zwang zur Therapie?

Merk kritisierte dies: Sie wünsche sich, die Klienten zumindest zu fünf bis zehn Sitzungen unter Strafandrohung zwingen zu können. Man müsse alles tun, um den Psychologen mehr Möglichkeiten zu geben, die Entlassenen zu motivieren. Die Münchner Ambulanz ist die erste von drei geplanten in Bayern. 2009 soll in Nürnberg eine weitere entstehen, später zudem noch eine in Nordbayern. Damit bekäme die Hälfte der Täter in Bayern, die therapiert werden müssen, einen Behandlungsplatz. Die übrigen würden wie bisher von niedergelassenen Therapeuten versorgt.

Gordon Bürk betonte die enormen Auswirkungen eines Sexualdelikts auf die Opfer und ihre Familien. "Oft bleiben sie seelisch zerbrochen zurück und sind kaum in der Lage, das schreckliche Ereignis jemals zu verarbeiten." Um die Bevölkerung vor diesen Tätern zu schützen, müsse man an ihrer Resozialisierung und Integration arbeiten. Man müsse auch solchen Menschen, die sich schwerster Strafen schuldig gemacht haben, die Chance geben, in die Mitte der Gesellschaft zurückzukehren.

Die Angst in der Bevölkerung vor Sexualverbrechen entspricht jedoch nicht den tatsächlichen Zahlen. Die Furcht ist groß, die Gefahr relativ gering. Während die Menschen, beklagt Bürk, aufgrund der intensiven Medienberichterstattung nach solchen Fällen von einer Zunahme ausgingen, sei die Zahl der Sexualmorde in Deutschland zwischen 1981 und 2004 in Wahrheit um zwei Drittel zurückgegangen. In Oberbayern etwa machen Sexualdelikte ein Prozent aller registrierten Straftaten aus.