Theaterprojekt für Kinder Ein Zauberwald im Hasenbergl

Mit dem Stationentheater "Reisen, rasen, rappen" begibt sich die Schauburg in den Norden der Stadt. Kinder und Jugendliche führen durch ihr Viertel - und bespielen die öffentlichen Plätze mit kreativen Ideen

Von Barbara Hordych

Seltsame Fabelwesen in bunten Overalls und mit weißen Masken vor den Gesichtern treten hinter den Bäumen hervor. Sie winden gelbe und orange "Heulschläuche" in den Händen, erzeugen so geisterhafte sphärische Klänge. Während sie sich tanzend zu einem Kreis zusammen finden, erklingen Töne wie aus einem geheimnisvollen Traum. Sie stammen von Orff-Instrumenten wie Handtrommeln, Triangeln und Rasseln, mit denen eine Gruppe Jugendlicher musiziert, die in einem "Wollnest" ganz in der Nähe im Gras sitzen, inmitten von Bäumen, zwischen denen farbige Fäden gespannt sind. Es entsteht ein magischer Ort, ein malerischer Zauberwald, den an dieser Stelle, zwischen dem Supermarkt Netto und der Volkshochschule im Hasenbergl, erst einmal niemand vermuten würde. Und doch ist er da, an diesem frühsommerlich sonnigen Nachmittag im Kiefernwäldchen bei der Generalprobe zu dem Stationentheater "Reisen, rasen, rappen". Das Projekt, das die Schauburg zusammen mit der Volkshochschule an der Blodigstraße und dem Kinder- und Jugendzentrum "Club" an der Wintersteinstraße seit Anfang des Jahres im Stadtteil durchführt, hat am 7. Juni Premiere.

Es ist ein wenig so wie mit dem Propheten und dem Berg - wenn der eine nicht kommt, dann muss eben der andere losgehen. An die Stelle des Berges tritt in diesem Fall eine Burg - Andrea Gronemeyers Schauburg. Sie will mit "Reisen, rasen, rappen" die Kultur in einen Stadtteil bringen, dessen Kinder den Weg zu ihrem Theater in Schwabing nicht so recht finden. "Es liegt nicht am Geld. Wir haben Angebote mit ganz niedrigen Eintrittspreisen, um wirklich allen Familien den Besuch bei uns zu ermöglichen", sagt die Intendantin, die ebenfalls zur Generalprobe erschienen ist. Aber wenn sie vor einer Vorstellung die jungen Zuschauer frage: Wer von euch war schon einmal hier? "Dann haben sich in den letzten Monaten nicht mehr als drei Kinder aus dem Hasenbergl gemeldet", sagt die Burgchefin. Offensichtlich gäbe es eine "Hemmschwelle" die verhindere, dass Kinder aus diesem Viertel den Weg in die Innenstadt, zu den Kulturstätten fänden. Also müsse die Schauburg raus in den Stadtteil gehen, habe sie beschlossen.

Die Aktion wird vom Bündnis "Kultur macht stark" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziell gefördert. Erfahrene Theaterpädagogen und Choreografen hat sie sich als Kursleiter geholt, etwa Annerose Schmidt und Chris Hohenester, die an den Jugendprojekten des Residenztheaters oder des Bayerischen Staatsballetts mitwirkten. Oder Karnik Gregorian, der mit der "Kammerklicke" der Kammerspiele arbeitete. Dazu die Autorin und Performerin Judith Huber, die mit ihrem "Theater zu Fuß" bereits für ein junges Publikum die Ufer der Isar bespielte.

Sie alle entwickelten seit Anfang des Jahres in verschiedenen Tanz-Theater-und Musikkursen gemeinsam mit rund vierzig Acht- bis 18-Jährigen Stückelemente, die jetzt zu einer Aufführung verschmolzen werden. "Wir leben hier im Ghetto" hätte sie von den Jugendlichen immer wieder zu hören bekommen, sagt die Theaterpädagogin Xenia Bühler vom künstlerischen Schauburg-Team. "Obwohl es eigentlich nur sieben Stationen mit der U-Bahn nach Schwabing sind, empfinden sich viele unserer Teilnehmer hier als nicht zugehörig", hat Bühler erfahren. "Gut, dann zeigt mir doch euer Viertel", habe sie zu den jungen Akteuren gesagt.

Der Auftakt also zu einer ungewöhnlichen "Cityreise", die im Club beginnt, der zum "Hotel Luca" umfunktioniert wurde: Während in einem der Hotelzimmer das dort logierende "Hochzeitspaar" Maurice und Esra einen anmutigen Tanz zeigt, drängeln sich an der Rezeption bei Portier Luca mit der goldenen Fliege die Gäste der "Bus-Tour": An einem langen Seil halten sich die Kinder und Jugendlichen hintereinander fest, am Kopfende steuern Jana und Theresa als Busfahrerinnen mit einem überdimensionierten Lenkrad die Fahrt, der Letzte trägt einen Ghettoblaster auf der Schulter. Zuschauer, darunter auch Andrea Gronemeyer, reihen sich als Mitreisende einfach ein. An den Plattenbauten vorbei geht es zum Kiefernwäldchen, wo sich der Blick auf den "Zauberwald" öffnet. Dort entdecken die Reisenden nicht nur die eingangs erwähnten Geister, sondern auch unter einer der Masken eine "Königin".

Einst waren hier tatsächlich die Wittelsbacher unterwegs, sagt Xenia Bühler, "die Geschichte des Hasenbergls ist ja sehr viel älter als die der Großsiedlung aus den Sechziger Jahren". Das Hasenbergl auf dem Weg von München zu Schloss Schleißheim war Jagdgebiet für Kaninchen und Hasen, sogar ein Königlicher Hasenmeister war hier bestellt. Im Vorfeld des Projekts gab es eine historische Führung für alle Kursleiter. Denn auch umgekehrt hapert es mit der Durchlässigkeit der Viertel. "Ich wohne im Westend, war zuvor nie hier gewesen", sagt Judith Huber. Dort, wo früher der König jagte, sich vielleicht auch an der historischen Sichtachse zu den Türmen der Frauenkirche erfreute, wird nun die Königin zur Gejagten. Schnell stülpt sie sich die Kapuze ihres Overalls wieder über den Kopf, reist "undercover" im Bus weiter, ebenso wie eine Fee, die sich allerdings durch ihre schimmernden Flügel verrät.

Andrea Gronemeyer, seit 2017/18 Intendantin der Schauburg in Schwabing, macht passend zum aktuellen Spielzeitmotto "Gleichheit" mit 40 Akteuren im Hasenbergl Theater.

(Foto: Stephan Rumpf)

Plötzlich versperrt eine am Boden liegende Gestalt den Weg. Sie entpuppt sich als Dieb, der mit einem Kumpan Fee Alma ihres Zauberstabs beraubt. Gut, dass Polizistin Katharina sofort die Verfolgung aufnimmt und die beiden Räuber - Jonathan und Nicolai - stellt. Und schon geht es weiter zum Goldschmiedplatz, vorbei an der ehemaligen Trambahnschleife der Linie 13. Anfangs habe sie spontan gedacht, hier gäbe es doch viel Grün, sie könne sich vorstellen, hierherzuziehen, sagt Judith Huber. Erst später fielen ihr die Leere in den Straßen und die fehlenden Geschäfte auf. "Es gibt hier beispielsweise nichts, wo ich mit den Kindern nach dem Kurs ein Eis hätte essen gehen können", sagt Huber.

Das wird sich auch durch das Stationentheater nicht so schnell ändern. Aber die Belebung der Plätze durch Kultur, die sich Gronemeyer und ihr Team wünschen, funktioniert, zumindest temporär, und das ganz ohne Zauberstab: Interessiert verfolgen Passanten und Kinder, wie am Ende der Reise, beim Skatepark, zwei Mädchen in bunten Reifröcken "Reisen, rasen, rappen" auf weiße Papierwände sprühen.