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Theaterpremiere:In der Kloake von Paris

Pasinger Fabrik: Probe des neuen Stücks des Theaters Viel Lärm um Nichts, die Irre von Chaillot

Delikat wie ein zerzauster Kanarienvogel, der sich aus der Belle Époque verflogen hat in die nüchterne Gegenwart: Doch niemand sollte die irre Gräfin von Chaillot unterschätzen, die Margit Carls ohne jedes Pathos spielt.

(Foto: Florian Peljak)

Das Theater "Viel Lärm um Nichts" bringt Jean Giraudoux' nur mehr selten gespieltes und doch zeitloses Stück "Die Irre von Chaillot" auf die Bühne

Von Jutta Czeguhn

Mireille Mathieu singt die "Marseillaise". Mit ihrer martialisch prononcierten Aussprache, dem übertrieben rollenden R kommt sie scheppernd aus den Lautsprechern marschiert. "Le jourrrr de gloirrrre est arrrrrrivé!" Dieses Paris ist keine fabelhaft kitschige Amélie-Welt. Wenn das Theater "Viel Lärm um Nichts" Jean Giraudoux' "Die Irre von Chaillot" inszeniert - Premiere ist an diesem Freitag - dann wird die Seine-Stadt zur Kulisse eines prä- wie postapokalyptischen Märchens. Nur scherenschnitthaft passepartourieren dunkle Dachfassaden ein nächtliches Paris, das aber seltsam ortlos bleibt. Und die Figuren, die sich darin bewegen wie Nebelwanderer, haben ihre kleinen Weltuntergänge und zeitweise auch ihren Verstand schon hinter sich gelassen. Sie sind Wartende, die ihre Traurigkeit talentiert überschminken, wie Zirkusartisten, die schon lange vor leeren Rängen spielen.

Achtzig Zuschauer haben im kleinen Theatersaal neben der Bar in der Pasinger Fabrik Platz. Die Sitze mit den bequemen purpurroten Polstern gilt es zu füllen, Abend für Abend. Regisseur und Theater-Chef Andreas Seyferth ist zufrieden mit dem Proben-Durchlauf der "Irren". Er blickt auf seine Armbanduhr und wiegt den Kopf. Na, ein paar Längen noch, etwa zehn Minuten Kürzung könne der Zweiakter bis zur Premiere noch gut vertragen, sagt er. "Die Irre von Chaillot" kommt heute nur mehr selten auf die Bühne. Geschrieben 1943 während der Okkupation von Paris durch die Wehrmacht, uraufgeführt 1945, posthum. Jean Giraudoux hatte die Premiere nicht mehr erlebt. Offiziell starb der Dramatiker, Essayist und Diplomat an einer Lebensmittelvergiftung - gerüchteweise soll die Gestapo dabei ein wenig nachgeholfen haben.

Auch Andreas Seyferth selbst hat Giraudoux' Nachlasswerk überhaupt nur einmal auf der Bühne gesehen, 1964 am Düsseldorfer Schauspielhaus. Allerdings dürfte das in doppelter Hinsicht unvergesslich für ihn gewesen sein; seine Mutter spielte damals die Constance an der Seite der unvergleichlichen Elisabeth Bergner in der Titelrolle. Und sein Vater, Seyferth überlegt nun angestrengt, könnte als Schauspieler dabei gewesen sein, als das Stück 1948 - wegen Problemen mit den Aufführungsrechten - einen etwas holprigen Deutschland-Start an den Münchner Kammerspielen hatte. Derlei Schwierigkeiten mit Giraudoux' Erben muss das Theater Viel Lärm um Nichts heute nicht mehr fürchten. Seit 2014 - 70 Jahre nach dem Tod des Franzosen - ist das Stück rechtefrei.

Rechtefrei und von zeitloser Aktualität. Die Pasinger Theatermacher müssen die "Irre" nicht krampfhaft ins Jetzt und Hier zerren, wie es etwa der ziemlich missratene Hollywood-Streifen von 1968 mit einer unter Niveau spielenden Katharine Hepburn in der Hauptrolle versucht hat. Denn wie von selbst schließt sich Giraudoux' Stoff mit der Gegenwart kurz, ohne dass sein merkwürdig wachtraumartiger Charakter dabei abhanden kommt: Die Welt der kleinen Leute von Chaillot, einem armen Pariser Bezirk, gerät buchstäblich ins Wanken, als Profiteure in der Tiefe unter Paris Ölfelder ausgemacht haben wollen. Seyferth inszeniert sie als Männer und Frauen in Rot mit schmerzhaft lauten Stimmen. Werden schon bald Bohrtürme in den Tuilerien stehen? Schmeckt das Wasser bereits nach Öl? Die Makler und Aktien-Jongleure sind ins Café von Servierkraft Irma (Melda Hazirci) eingefallen. Dort feiert diese Delegation der Geldgier nun tosend ihren todsicheren Deal: "Wir stehen auf Milliarden".

Noch legt Aurélie, die irre Gräfin, am Nebentisch seelenruhig ihre Patiencen. Theaterleiterin Margrit Carls spielt diese Gestalt, die wie ein delikat zerzauster Kanarienvogel direkt aus der Belle Époque geflogen kommt, völlig ohne Pathos. Sie gibt der Figur schwebende, poetische Momente, kann aber von jetzt auf gleich umschalten und zum rachelüsternen Engel werden, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Aurélie, deren Seele nach einer verlorenen Liebe so notbandagiert ist wie ihr Kostüm, ist Königin in einem Panoptikum skurriler Schaubuden-Figuren, die das Pasinger Ensemble mit Wonne und Witz auf die Bühne bringt: Blumenmädchen, die japanischen Kampfsport pflegen, Taubstumme, Lumpensammler, Damen mit Bart, Jongleure, Straßensänger, Sitter von längst verblichenen Hunden, unglückliche Bombenleger, Schnürsenkelverkäufer. Und der Kloakenreiniger, der könnte direkt aus dem Film "Delikatessen" aufgetaucht sein.

Aus diesem traurigen Tross von Exzentrikern formiert die irre Gräfin nun ihre Résistance-Armee gegen die Renditejäger. Man will diese die 66 Stufen hinunter in die Kloake von Paris locken, in der sie die Ölmilliarden wittern - und aus der sie nie wieder auftauchen werden. Doch vor der finalen Klospülung soll ihnen ein fairer Prozess gemacht werden. Der Kloakenreiniger übernimmt in diesem Tribunal - Fritz Langs "M - eine Stadt sucht einen Mörder" lässt grüßen - den Part des Strafverteidigers. Am Ende: der Schuldspruch. Ein grausames Ende? "Märchen sind nun einmal grausam", sagt Regisseur Andreas Seyferth. "Aber vielleicht war alles nur ein Traum?", sinniert Margit Carls, die es nie gemocht hat, wenn im Märchen die böse Hexe auf giftigen Schlangen tanzen muss.

"Die Irre von Chaillot", Theater Viel Lärm um Nichts, Premiere Freitag, 29. Dezember, 20 Uhr, Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 25, Silvestervorstellungen 16 und 19 Uhr, vom 4. Januar bis 17. März jeweils Donnerstag, Freitag, Samstag um 20 Uhr, Karten zu 22, ermäßigt 20 Euro, im Vorverkauf über München Ticket unter der Telefonnummer 54 81 81 81.

© SZ vom 29.12.2017
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