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Theaterkritik:Faszinierender Krimi

Gretes Traum

Ute Pauer als Grete (rechts) und Petra Wintersteller als deren Gegenüber in einem aufregenden Spiel um Erkenntnis, Schuld und Vergebung.

(Foto: Volker Derlath)

Heiko Dietz' "Gretes Traum" im Theater ... undsofort

Von Egbert Tholl

Wäre man zynisch, könnte man nun sagen, dass Theater ... undsofort sei von den gerade in Kraft tretenden Maßnahmen zur verschärften Gängelung der Kultur gar nicht betroffen, denn hier dürfen ohnehin nicht einmal 50 Zuschauer rein. Aber wir wollen nicht zynisch werden, deshalb also andersrum: Auch mit weniger als 30 Menschen im Publikum fühlt man sich hier wohl, es ist nicht trist im Undsofort, nein, es herrscht jene subkutan kommunikative Atmosphäre, die aus einer Theateraufführung erst ein Theatererlebnis macht. Heiko Dietz hat in seiner Karriere als Theaterleiter schon so viel Unbill erfahren, dass er auch in Coronazeiten pragmatisch reagierte, Hightech-Lüfter anschaffte und im Rahmen der derzeitigen Möglichkeiten Aufführungen durchführen kann. Und wenn es sein muss, schreibt er halt ein Stück für nur zwei Schauspielerinnen und inszeniert es selbst, was sich dann auch noch als außerordentlicher Glücksfall erweist: "Gretes Traum" ist ein faszinierend spannender Theaterabend.

Grete schreitet den Raum, in dem sich nur zwei Stühle befinden, ab. Sie hat ihren eigenen Rhythmus beim Gehen, sie ist die kleinen Wege schon oft gegangen, lebendig begraben in Isolationshaft. Grete muss vor 37 Jahren ein ungeheuerliches Verbrechen verübt haben, nun weiß sie nichts mehr von der Welt da draußen, kennt nur ihre Gefängniszelle. Und dann ist da auf einmal eine zweite Frau. Ihre Anwältin? Nein. Eine Besucherin? Aber es darf doch niemand zu ihr. Eine Erinnerung, ein erfundenes Gegenüber um sprechen zu können?

Man weiß es lange nicht. Und auch wenn am Ende alles klar und das kriminologische Rätsel aufgelöst ist, ist der Weg dorthin ungemein aufregend. Man klebt an den Worten Ute Pauers, die diese Täterin mit unversöhnlicher Härte, angefüllt mit ideologischen Überzeugungen spielt. Man staunt Pauer an wie es Petra Wintersteller tut, die zweite Frau, das Gegenüber, das Informationen in die Zelle hineinträgt, aber keine Erlösung. Aber vielleicht ein Nachdenken Gretes über das damalige Tun. Eine Versöhnung mit sich selbst.

Man könnte verraten, worum es geht, aber das nähme dem Abend einen kleinen Teil seiner ungeheuren Spannung. Die muss man selbst erleben, noch bis Mitte November.

© SZ vom 27.10.2020
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