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Theatergeschichte:Lachen in der Leere

Vor 75 Jahren spielte das literarische Kabarett "Die Schaubude" seine erste Vorstellung in den Kammerspielen - ein Rückblick nach vorn

Von Oliver Hochkeppel

Nach Corona könnte eine neue Blütezeit des Humors, der Satire, des Kabaretts anbrechen. Weit hergeholt? Mag sein, aber es gibt ein historisches Modell. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, der größten Katastrophe nicht nur der deutschen Geschichte, waren Kabarett und Revue die ersten kulturellen Pflänzchen, die aus den Trümmern wuchsen. Auch und gerade in München. "München lernt wieder lachen" - unter diesem Motto eröffnete schon Ende 1945 in Haidhausen "Der bunte Würfel", am ersten Programm wirkten die legendäre Claire Waldoff und Gert Fröbe mit. 1946 folgten eine ganze Reihe von Kleinkunstbühnen: "Das Schmunzelkolleg" mit Werner Finck, dann Fritz Peter Buchs und Hans Albert Schewes "Die Hinterbliebenen", beides dem politisch- literarischen Kabarett zuzuordnen, während "Das Wespennest" an der Ecke Barer/Theresienstraße, das "Occamhof-Theater" und der "Kabarettclub bei Popp" mit Tänzern, Parodisten und Operettensängern eher Unterhaltungs- und Revue-Charakter hatten - heute würden man Comedy sagen.

Die wichtigste Neugründung aber war zugleich die erste, mit der überhaupt wieder Leben auf die Münchner Bühnen kam: Vor 75 Jahren, am 15. August 1945 gab "Die Schaubude" ihre erste Vorstellung in den Kammerspielen, dem einzigen Theatersaal, der den Bombensturm soweit überstanden hatte, dass er bespielbar war. Zusammengefunden hatte sich das Ensemble erst kurz zuvor, die treibenden Kräfte waren die Schauspieler und Regisseure Otto Osthoff und Rudolf Schündler. Osthoff hatte bis zum Krieg in Hannover und Breslau Theater gespielt und landete 1941 über Umwege in Otto Falckenbergs Kammerspiel-Ensemble, dem er bis 1948 angehören sollte. Schündler hatte sich vor allem im Film einen Namen gemacht. Er spielte in frühen Werken von Fritz Lang, Kurt Hoffmann oder Helmut Käutner, arbeitete aber auch in verschiedenen Berliner Theatern (aber 1937 auch als Regisseur) und trat regelmäßig im "Kabarett der Komiker" auf.

Corona im Blick: Fotoserie von Stephan Rumpf, 2020

Die Kammerspiele, der einzige Theatersaal, der den Bombensturm soweit überstanden hatte.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für die Schaubude rekrutierten die beiden zunächst Kollegen, die sie schon von früher kannten und die es wie sie nach München verschlagen hatte. Zum Beispiel Erich Kästner, den Schündler am Schliersee aufgegabelt hatte, und der nun neben Axel von Ambesser, Herbert Witt und Hellmuth Krüger - der die meisten Programme auch moderierte - der Hausautor wurde. Nur logisch also, dass auf dem Plakat unter dem Programmtitel "Der erste Schritt" ziemlich groß und betont "Ein literarisches Kabarett" stand.

Osthoff hatte das erste Programm entsprechend zusammengestellt, mit einer Mischung aus Ringelnatz-Gedichten, Tucholsky-Songs und eigenen Szenen. Ein "Provisorium mit sehr viel Tanz, mit vielen Anleihen bei der Weltliteratur und doch mit dem ersten energischen Willen zur verantwortungsbewussten Aktualität, zum politischen Kabarett. Und dieser Schritt fand so viel Anklang, dass sich beste deutsche Köpfe: Autoren, Komponisten, Schauspieler bereit erklärten, mit uns zu marschieren, nach zwölf Jahren der Tarnung, der Charakterlosigkeit, zu diesem Propagandamarsch für die junge Demokratie ...", wie er es später selbst beschrieb. Die Regie übernahm wie später bei allen Programmen Rudolf Schündler, die musikalische Leitung Edmund Nick, der diese Position schon bei der legendären "Die Katakombe" in Berlin ausgeübt hatte. Auf der Bühne standen Karl John, der noch vor Kurzem in "Zwei in einer großen Stadt" den ergreifenden Titelsong gesungen hatte, Walter Kiaulehn, der spätere Feuilletonchef des Münchner Merkur, und der Spaßvogel vom Dienst Bum Krüger.

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Humorvoller Neubeginn in den Katakomben der Kammerspiele: Rudolf Schündler als Regisseur.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dass die Premiere in den Kammerspielen stattfand, war in mehrerlei Hinsicht kein Zufall. Eigentlich hatten die Amerikaner den Saal als Kino für ihre GI in Beschlag genommen, doch Walter Behr, der vor der Emigration in der legendären Berliner "Katakombe" als Grotesk-Clown aufgetreten war, räumte ihn jetzt als Leiter des in der Giselastraße einquartierten US-Office für Film, Theater und Musik für die beschäftigungslosen Einheimischen frei. So hatte nur zwei Wochen nach der Schaubude auch das ausgebombte Volkstheater dort seine erste Vorstellung. Außerdem entwickelte sich der Hof der Kammerspiele schnell zur Kontaktbörse für Theaterleute, Kästner schlug später scherzhaft vor, dort eine Tafel mit der Inschrift "Hof des Wiedersehens 1945" anzubringen.

Dort sammelte Schündler auch nach dem April 1946 und dem Umzug ins eigene Haus mit einem 700-Plätze-Saal in der Reitmorstraße kontinuierlich Mitstreiter ein. Gestandene Mimen wie Karl Schönböck oder Ernst Fritz Fürbringer, vor allem aber viele junge Talente, die sich schnell einen Namen machten wie Siegfried Lowitz, Oliver Hassenkamp, Gisela Fackeldey oder Ruth Kappelsberger. Und ganz früh dabei war Ursula Herking, die mit Kästners "Marschlied 1945" über das Elend der Vertriebenen schnell bundesweit bekannt und mit dem Spitznamen "Heul-Diseuse" bedacht wurde. Osthoff indes stieg nach dem vierten Programm 1947 aus, er leitete zugleich noch zwei Literaturzeitschriften.

Gemeinsam mit Schündler hob Erich Kästner als Hausautor 1945 die "Schaubude" aus der Taufe.

(Foto: imago)

Viel mehr Zeit hatten auch die anderen nicht: Die Währungsreform machte der Schaubude wie vielen anderen Privattheater auch den Garaus. Waren die kulturell ausgehungerten Münchner zuvor begeistert in die Vorstellungen geströmt, ging es jetzt um Handfesteres. "Bitte recht friedlich", das achte und letzte Programm, lief ab Herbst 1948 im frisch renovierten riesigen Saal fast ohne Gäste. Im Frühjahr 1949 ging Schündler mit 35 000 Mark Schulden in Konkurs und nahm danach notgedrungen jede angebotene Filmrolle an - bis hin zu den Softpornos der Siebziger.

Einmal noch merkte sich die Welt sein Gesicht, als er den Diener Karl in "Der Exorzist" spielte. Viele andere Schaubuden-Mitwirkende von Kästner bis Herking fanden ab 1951 wieder bei Trude Kolmans "Die kleine Freiheit" zusammen. Dies und so vieles mehr hatte die Schaubude in nur vier Jahren angestoßen, weshalb sie heute in keinem Kabarett-Almanach fehlt.

© SZ vom 12.08.2020

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