Süddeutsche Zeitung

Theater Wasserburg:Ein dunkles Fest der Fantasie

Mario Eick nimmt sich als schreibender Schauspieler der Erzählungen von E.T.A. Hoffmann an, und Uwe Bertram macht am Theater Wasserburg aus diesen "Hoffmanns Erzählungen" ein Zauberstück

Von Egbert Tholl

Der Mann ist viel herumgekommen. Vor vielen, vielen Jahren war er einer der jüngsten Bau-Brigadiere in Ostberlin, Boxer war er auch mal, später gründete er in Burghausen das weithin gerühmte "Cabaret des Grauens", inszenierte, leitete das Theater an der Rott und das im uckermärkischen Schwedt. Und jetzt steht Mario Eick im Theater Wasserburg auf der Bühne, wo er auch schon längst kein Unbekannter mehr ist, und spielt eine Figur, die er selbst geschrieben hat, den Hoffmann aus Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen", beziehungsweise E.T.A. Hoffmann, der die Erzählungen schrieb, die dem Opernlibretto zugrunde liegen.

Irgendwie scheint Eick dem Hoffmann, egal ob dem einst real existierenden oder dem aus der Oper, nicht so recht zu trauen. Die Figur, die er aus den Erzählungen und dem Opernlibretto herausgeschabt hat, ist ein abgehalfterter, offenbar schwer versoffener, desillusionierter Dichter, der sich mit einer Puppe unterhält, die eine Journalistin ist, was nur ein Anlass für ihn ist, seine ganze Lebensgescheitertheit loszuwerden. Da sind Stimmen in seinem Kopf, die auch im Raum herumschwirren, und schließlich einen Körper kriegen, wenn Eick als Hoffmann, Erfinder dieser Figuren und ihrer Stimmen, sich in seinem verschlurften Morgenmantel langsam zur Ruhe bettet. Dann erwachen die Gestalten aus seinem Kopf zum Leben, dann beginnt wieder einmal ein Zauberstück, ein wundervoller Theaterabend, den Uwe Bertram mit viel Musik und seiner tollen Truppe am Theater Wasserburg aus dem Reich der Fantasie auf die Bühne holt.

Eicks Hoffmann schwebt mit Bett und Büchern über der Szenerie, unten ist ein tiefer Sumpf aus zerknüllten Papieren, weggeworfenen Gedanken, aus denen langsam die Figuren auftauchen, in der Anmutung blasse Nachtgestalten aus Hoffmanns Hirn, in ihrem Treiben aber Verheißung, Gier und Trotz. Da ist Hoffmanns Stellvertreter selbst, gespielt von Hilmar Henjes, da sind die Frauen, die sich Hoffmann, der Dichter, ausdachte und denen Hoffmann, die Figur aus der Oper, gar nicht guttat, da sind also: Annett Segerer als Antonia, Regina Alma Semmler als Olympia und Susan Hecker als Giulietta. Und es spukt noch das zwielichtige Faktotum Lindorf (oder Copelius oder wer auch immer) herum, verkörpert von Nick Mayr.

Dazu gibt es auch noch Oper, aber anders, jedenfalls Gesang und die dunkel rollende Musik von Georg Karger und seinen vier Mitmusikern, der Walzer aus Schostakowitschs "Jazz-Suite" oder Chris Isaak. Aus "Wicked Game", "Summer Wine" und winzigsten Offenbach-Derivaten entsteht eine lustvolle Atmosphäre, angesiedelt in den surrealeren Gefilden des Geistes, ein Nachtstück, wie es E.T.A. Hoffmann vor Augen gehabt haben mag, als er in den entlegensten Winkeln seines Hirns sich seine Geschichten erdachte. Der Abend atmet die große Freiheit wahrer Kunst, der man nicht mit den kleinlichen Sorgen, jedes Detail unmittelbar verstehen zu wollen, beikommen kann. Aber er wirkt, das ist wichtig.

Und schaut sehr gut aus. Die Bühnenidee von Bertram, Segerer und Mayr und die Kostüme von Simone Sommer, entlehnt aus der Asservatenkammer der Träume, verführen in eine Welt hinein, der man sich kaum entziehen kann. Wem E.T.A. Hoffmann schon immer suspekt war, findet hier Bestätigung. Wer seine Geschichten liebt, der fühlt sich hier pudelwohl. Allein schon diese Ambivalenz auf die Bühne zu bringen, ist eine Meisterleistung des Regisseurs Uwe Bertram.

Hoffmanns Erzählungen, Theater Wasserburg, weitere Aufführungen 16. bis 18. Oktober, 20. bis 22. November, 11. bis 13. Dezember

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SZ vom 15.10.2020
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