Auf zum Kapitol! Wenn dieser Satz fällt im "Theater Viel Lärm um Nichts", in dieser sehr pointierten Auslegung von Shakespeares "Coriolan", dann hat man natürlich nicht den Kapitolshügel im Alten Rom im Kopf. Dann sieht man sich selbst wieder fassungslos vor dem Fernseher sitzen an jenem 6. Januar 2021, als Donald Trumps Fanbase randalierend das Kapitol in Washington stürmt. Eine manipulierte Meute, ein Mob, der Pöbel. Lateinisch Plebs, Genitiv Plebis. Margrit Carls, die wunderbare Doyenne der Pasinger Traditionsbühne, liefert in ihrer Textversion gleich zu Beginn eine große Auswahl an wenig schmeichelhaften Titeln für den entscheidenden Akteur in dieser Polit-Show: das Volk. Jeder einzelne scheint verdient. Und hat nicht jedes Volk auch die Regierung, die es verdient? Wer hat das noch mal gesagt? Nein, nicht Shakespeare, auch nicht Donald Trump.
General Gaius Martius alias "Coriolan" (Denis Fink) jedenfalls - übrigens einer der unsympathischsten Helden Shakespeares, und das will etwas heißen, schließlich gibt es Macbeth - verachtet die Plebejer aus tiefstem Herzen. Und dieser Hybrisburli verspürt nicht die geringste Lust, das zu verbergen. Was blöd ist, wenn man Konsul werden möchte, und was sich die Volkstribunen (Margrit Carls und Evelyn Plank) als Profi-Populisten munter zunutze machen. Eigentlich sollen sie ja die Rechte der Plebs gegenüber den Patriziern durchsetzen. Check & balances in der frühen römischen Republik (um 500 v. Chr.) Doch ach, es ist ein ernüchterndes, hochaktuelles Bild, das Shakespeare hier von der Möglichkeit einer demokratischen Staatsfaçon zeichnet.
Das Theater viel um Nichts trippelt in Andreas Seyferths Coriolan-Inszenierung zwischen Tragödie und Komödie hin und her. Dazu passen die Steppschuhe, die Margrit Carls und Evelyn Plank an den Füßen tragen. Die beiden sind zum Niederknieen; liefern sich, unter rasanten Hutwechseln, als Volkstribunen, Diener und vor allem als Conférencier-Clowns urkomische, messerscharfe Dialoge. Erinnern dabei an Erika Mann und die Giehse in der "Pfeffermühle". Und drücken oft auch mal die Skip-Taste. Ein Original-Shakespeare würde deutlich länger dauern. Coriolan kompakt. Unbedingt sehenswert!
Coriolan, Vorstellungen bis 4. März, "Theater Viel Lärm um Nichts", Pasinger Fabrik, Karten www.theaterviellaermumnichts.de
