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Theater Schauburg:Lollibaby

FAKE IT TILL YOU MAKE ITâĨvon STEPHANIE VAN BATUM und FLORIAN SCHAUMBERGER Schauburg, München

Helene Schmitt als Kendi in "Fake it till you make it".

(Foto: Judith Buss)

Die Schauburg seziert hemmungslos den Selbstoptimierungswahn

Von Barbara Hordych

Es fehlte nicht viel, und man könnte meinen, es sei tatsächlich wahr: Man gehört zu den 44 Glücklichen, die an diesem Abend ausgelost wurden, um in der Schauburg als Live-Publikum dem Dreh des neuen Musikvideos von "Kendi" beizuwohnen. Michael Schröder als Agent des aufstrebenden Popsternchens, das ein weiterer Sprössling des Kardashian-Clans sein könnte, springt enthusiastisch vor einem Monitor im Foyer herum, auf dem "Bumm Bumm", das vermeintlich irre erfolgreiche erste Video von Kendi läuft.

Tatsächlich hat diese Kendi, verkörpert von Helene Schmitt mit hoch angesetztem Pferdeschwanz und einem expressiven Augen-Make-Up, mit dem sie auch beim Sparkassenball in Castrop-Rauxel Furore machen könnte, eine digitale Identität als "Kendi from the Block" auf Instagram und Tiktok. Das dazugehörige Musikvideo stammt von den Münchner Musikern Jonas Braun und Nalan Karacagil, auch das ein Element der Theater-Show "Fake it till you make it", die die niederländische Regisseurin und Performerin Stephanie van Batum mit dem Videokünstler Florian Schaumberger ersonnen hat.

Bereits in der wunderbar witzigen Inszenierung "Don't worry, be Yoncé", van Batums Abschlussarbeit an der Falckenberg-Schule, hatte sich das Duo anhand des Phänomens Beyoncé mit popkulturellen Mechanismen und dem Thema Selbstoptimierung auseinandergesetzt. Das Projekt glänzte 2018 beim Festival "Radikal jung" im Volkstheater. In ihrer neuen Arbeit "Fake it till you make it" ist ein ganzes Team von fiktiven Mitarbeitern, darunter Regisseur, Stylist, Personal Trainer, Gesangscoach und Choreograf, damit beschäftigt, die Kunstfigur Kendi zu kreieren.

Neben der Bühne sind Leinwände aufgebaut, in denen ihre scheinbar wohlmeinenden Vertrauten in Interviews, sogenannten "Confessionals", ihre abstrusen Leistungsanforderungen wie "Go big or go home" artikulieren, während auf der Bühne beim Dreh des neuen Videos "Tasty" eine immer verzweifeltere Kendi mit Tennisschläger, riesigen "Candys", Lollis und Kaugummis kämpft. Insbesondere Simone Oswald als Heidi-Klum-Klon und "Momager", eine Personalunion von Mutter und Manager, treibt säuselnd, aber knallhart ihre Tochter voran auf dem Weg in die Selbstzerstörung, dem nach Busen und Lippen auch jede Selbstachtung zu Opfer fallen. Die Optimierungsmaschinerie ist scharfsinnig seziert, choreografisch präzise und unterhaltend in Szene gesetzt; sie steckt voll abstruser Komik und ist dennoch erschreckend mit anzusehen.

Weitere Aufführungstermine bis 11. Juni, Schauburg am Elisabethplatz, Telefon 089/23337155

© SZ vom 07.06.2021
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