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Theater Regensburg:Überlegen lustig

Theater Regensburg; Dame Kobold

Stimmlich und darstellerisch eine Freude: Witwe Angela (Anna Pisareva, links) und Beatrice (Sara-Maria Saalmann).

(Foto: Martin Sigmund)

Das Theater Regensburg hat wieder einmal eine vergessene Oper ausgegraben: Brigitte Fassbaender inszeniert Joachim Raffs "Dame Kobold" als rasanten Spaß

Von Egbert Tholl

Als Joachim Raff im Jahre 1882 starb, erhielt er ein Ehrengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, Beileidsbekundungen aus der ganzen Welt trafen ein, bald danach war er vergessen. Wie ungerecht. Heute kennt man vielleicht ein paar Instrumentalstücke von ihm, aber dass er einige Opern schrieb, teils sehr großformatige, das wissen heute vor allem Spezialisten. Und das weiß man am Theater Regensburg, wo nun Brigitte Fassbaender als ihre fünfte Inszenierung am Haus die komische Oper "Dame Kobold" inszenierte. Und wenn man sich je fragte, was eine komische Oper ist: Hier kann man es in Perfektion erleben.

Raff stammte aus der Schweiz, wohin sein Vater vor der württembergischen Zwangsrekrutierung geflohen war und die Tochter des Ochsenwirts geheiratet hatte. Der Vater war Lehrer, am Ende seines Lebens leitete sein Sohn das Frankfurter Konservatorium. Bis dahin hatte sich der vife Raff schon einen Namen als Komponist gemacht, war gut bekannt in der Musikwelt, war eng mit Liszt, Mendelssohn, mit Hans von Bülow oder dem Geiger Joseph Joachim. "Dame Kobold" kam 1870 in Weimar zur Uraufführung - und die Zeitgenossen zeigten sich verblüfft von der Leichtfüßigkeit des Werks.

21 Musiker reichen hier völlig aus, die Balance zwischen den Instrumenten ist perfekt

Die auf die Corona-Bedingungen angepasste Fassung von Fassbaender und dem musikalischen Leiter Tom Woods dürfte also viel vom Geist des Originals wiedergeben, denn sie ist so rasant, so abgeklärt souverän, dass man den Eindruck gewinnt, das Stück wäre gerade eben entstanden, als überlegene Parodie auf die Oper des 19. Jahrhunderts. Raffs reichen Bläsersatz verwandelt Woods in ein Blasquintett, fügt eine Harfe hinzu, was zu ungeheuer farbigen, verblüffenden Klangerlebnissen führt. 21 Musiker reichen im Haus am Bismarckplatz völlig aus, die Balance zwischen den Instrumenten ist perfekt. Dazu nahm Woods die Arien, oft aus Cavatina und Cabaletta, also einem langsamen und schnellen Teil bestehend, auseinander und fügte sie zu einem noch rasanteren Gefüge neu zusammen. Fassbaender belässt die Sprache dort, wo sie herkommt, mit Calderón, von dem die Vorlage stammt, hatte das schon 1870 wenig zu tun. Es geht nur um Handlung: Don Juan will seine verwitwete Schwester Angela verheiraten, die streikt, ein Jugendfreund Juans schneit mit seinem Diener herein, den will sie, der soll es auch nach dem Willen des Bruders sein, aber bis das glücklich geklärt ist, passiert herrlicher Unsinn, beruhend auf der Gewitztheit Angelas und ihrer Vertrauten Beatrice, die mittels einer Geheimtür herumspuken, also Kobold spielen.

Dafür packt Anna-Sophie Lienbacher die Solisten (die gegebenenfalls auch der Chor sind) in fabelhafte Kostüme, Bettina Munzer baut ein schönes Komödien-Boudoir inklusive Freimaurerlogo, Sara-Maria Saalmann choreografiert sich als wundervoll listige Beatrice und alle andern bis hin zur Abstandswahrung beim Applaus. Sie tanzt Flamenco, Anna Pisareva, die strahlende Angela, verkörpert leuchtend weibliche Überlegenheit und die Herren - Johannes Mooser, Oreste Cosimo und Oliver Weidinger - nehmen mit großer Lust Raffs eklektisches Tableau, das von Wagner bis Rossini reicht, aber immer melodiensatt eigen ist, an. Herrlich.

Dame Kobold, Theater Regensburg, nächster Termin Dienstag, 27. Oktober

© SZ vom 26.10.2020

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