Diese Bakchen dürften schon zu Euripides’ Zeiten für Aufsehen gesorgt haben. Wild tanzende und jagende Frauen, die Heim und Herd, Gatten und Kinder verlassen, um dem neuen, „lärmenden Gott“ auf den Berg Kithairon zu folgen. Mit Getöse zieht denn auch dieser Dionysos in Menschengestalt mit seinem trommelnden und klingelnden Gefolge zwischen den gut gefüllten Tischreihen im Innenhof der Glyptothek zur Bühne. Mit der Premiere von „Dionysos“, Roland Schimmelpfennigs Übertragung der „Bakchen“, eröffnet Regisseur Sven Schöcker die diesjährige Saison der Theaterspiele.
Christine Garbe stellt den Gender-fluoreszierenden Gott mit langen Locken und in Frauenkleidern dar, der den Menschen den Wein und die Ekstase bringt. Von Asien kommend, hat er sich Theben in Griechenland zum Ziel erkoren. Denn dass Gottvater Zeus höchstpersönlich ihn mit seiner irdischen Mutter Semele gezeugt hat, glauben zwar viele, aber eben nicht alle. Schon gar nicht Pentheus, der regelkonforme und gesetzestreue König von Theben (Rainer Haustein), ausgestattet mit Herrscherstab und Aktentasche.
Zu bizarr und unglaubwürdig klingt für ihn die Herkunft dieses neuen Gottes: Soll er doch aus dem Schenkel des Zeus geboren sein, nachdem die eifersüchtige Götter-Gattin Hera Semele hat verbrennen lassen. Dazu diese „irren Bräuche“: Pentheus will dem „Gestampfe und Haareschütteln ein Ende bereiten“ – auch wenn ihn sein Großvater Kadmos (Martin Schülke) und der blinde Seher Teiresias (Julia Gröbl) davor warnen, einen Gott zu missachten.

Aufgewühlt vernimmt Pentheus die Berichte von dem Treiben im Gebirge: Die Frauen, darunter auch seine eigene Mutter Agaue und deren Schwestern, frönten einem rauschhaften Liebesleben mit dem Verführer-Gott. Genau damit lässt sich Pentheus von seinem überirdischen Gegenspieler ködern: Gar zu gerne will er als Voyeur diese – vermeintlichen – Orgien heimlich beobachten. In einer tragikomischen Szene wird der muskelbepackte König mithilfe von Goldschmuck und Frauenkleidern in eine Mänade verwandelt; unerkannt will er sich zu den Frauen begeben, die sich in der Wildnis dem männlichen Zugriff entziehen.
Dass Furchtbares daraus entstehen wird, wissen die Zuschauer schon früh. Nicht nur wegen der dunklen Cello-Klänge von Katerina Giannitsioti, die das unheilvolle Geschehen begleiten. All das gehört zum Racheplan des beleidigten Gottes, der hier ein Exempel statuieren will. So wird Pentheus enttarnt, und von seiner eigenen Mutter und deren Schwestern im Wahn zerrissen.

Regisseur Schöcker erspart es dem Publikum, dieses Grauen mit Theaterblut, aufgespießtem Kopf und abgerissenen Gliedern in Szene zu setzen. Seine Agaue begnügt sich damit, einen roten Überwurf über ihr Kleid zu ziehen, dazu ein rotgemustertes Tuch um ihren Efeustab zu schlingen, im stolzen Wahn, „einen jungen Wolf mit bloßen Händen gerissen zu haben“. Ihr schreckliches Erwachen verfolgt Garbes Dionysos mit zufriedenem Lächeln „Jetzt bin ich zurück in Theben“.
Mit seinem letzten und radikalsten Drama über das Prinzipien-Duell zwischen Vernunftdenken und Anarchie, menschengemachten Gesetzen und göttlicher Lust am Chaos, gewann Euripides posthum den ersten Preis bei den Tragödienwettbewerben in Athen. Der Konflikt daraus ist noch heute, über 2500 Jahre später, überaus spannend. Zudem, wenn er in solch geschliffener Dialog-Regie präsentiert wird.
Dionysos, bis 10. September, Open Air, Theaterspiele Glyptothek, Königsplatz

