bedeckt München 15°

Theater:Leiden für die Kunst

Passion 2:1

Stephan Lewetz lotet als Pilatus in einem fiktiven Gespräch mit Jesus mögliche Entscheidungen aus.

(Foto: Passion 2:1)

Im Festspielhaus in Füssen wird ein Passionsfilm gedreht

Von Sabine Reithmaier, Füssen

Der Anlass sei kein erfreulicher, sagt Benjamin Sahler, Theaterdirektor in Füssen, in der virtuellen Pressekonferenz. Zum zweiten Mal musste er die Verschiebung desselben Stücks ankündigen. Aus "Passion 20:20" - natürlich englisch ausgesprochen - wird "Passion 20:22". Aber damit die Fans der biblischen Leidensgeschichte nicht zu lange warten müssen, gibt es für die Zeit dazwischen "Passion 2:1" - ein Film, der die Ereignisse in Jerusalem zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag erzählt. Gedreht wird auf der Bühne des Festspielhauses.

Sahler ist Kummer gewöhnt. Eigentlich hatte das Musicaltheater am Forggensee 2020 sein 20-jähriges Bestehen groß feiern wollen und vier Stücke auf den Spielplan gesetzt ("Ludwig²", "Die Päpstin", "Der Ring", "Zeppelin"). Doch die Pandemie durchkreuzte nicht nur diese Pläne, sondern auch die Hoffnung, alle Defizite hinter sich zu lassen und endlich die lang ersehnte schwarze Null zu erreichen. "Wir sind seit vergangenen März im Lockdown", sagte Sahler, gab sich aber zuversichtlich, dass das Theater auch diese Krise überstehen werde. "Wir können starten, sobald wir 500 Plätze belegen dürfen."

Im Vorjahr exakt zum 175. Geburtstag von König Ludwig II. im August hatte sich das Festspielhaus in Füssen wieder einmal umbenannt in der Hoffnung, ein neuer Name würde zusätzliches Publikum anziehen. Aus "Ludwigs Festspielhaus" wurde zum zweiten Mal das "Festspielhaus Neuschwanstein". Genauso hatte der Theaterbau auch bei seinem Start im April 2000 geheißen. Seither hat das Haus eine wahrhaft wechselvolle Geschichte mit mehreren Besitzerwechseln und Pleiten erlebt. Erst nachdem Unternehmer Manfred Rietzler das Haus 2016 gekauft und renoviert und Sahler 2017 zum Theaterdirektor beförderte hatte, war es in ruhigere Fahrwasser geraten. Bis zur Pandemie jedenfalls.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir gleich zweimal verschieben müssen", sagte Ingvar Aarseth. "Aber jetzt ist aus Passion 20:20 etwas Neues gewachsen." Der gebürtige Norweger, der als Pfarrer der Christlichen Glaubensgemeinde in Füssen lebt und bereits im Ruhestand ist, hatte die Passionsprojektidee 2018 entwickelt. Er dachte anfangs nur an einen Ostergarten, aber sein rühriger Freund Manfred Schweigkofler, seines Zeichens Kulturmanager, Regisseur und langjähriger Leiter des Stadttheaters Bozen, dachte sofort größer und entwickelte daraus für Füssen eine "Weltpremiere" mit einem Genre-übergreifenden Mix aus Theater, Video-Mapping, Musik, Spezialeffekten, Tanz, Luftakrobatik und 3-D-Lasershow. Und Schauspielern, die die Ostergeschichte multiperspektivisch aus ihren verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Jesus selbst taucht als Figur nicht auf.

Die Tänzer im Film übrigens auch nicht. Die Schauspieler alias Maria Magdalena, Petrus, Judas, der Hohepriester und Pilatus erzählen ihre Sicht der Dinge jetzt eben in die Kamera hinein, sagt Regisseur Schweigkofler. Und weil er Theater und Film zusammenbringen will, agieren dank der digitalen "Notch"-Technik die Schauspieler nicht auf der nackten Bühne, sondern in einer computeranimierten Umgebung. David Hüger und Florian Lüttich liefern den Soundtrack.

Die Entscheidung, einen Film zu drehen, fiel erst am 11. Januar. Natürlich war das Team geschockt, als sich abzeichnete, dass die bereits fixierten Aufführungstermine von 11. bis 23. März nicht zu halten sein würden (neue Termine: 7. April bis 24. April 2022). Aber Produzent Ingvar Aarseth, der zur Finanzierung seines Projekts schon im Vorjahr den Unterstützerverein "Passion" gegründet hat, hielt an seiner Idee fest und überzeugte die anderen von der Notwendigkeit, nicht klein beizugeben. Rund 150 000 Euro werde der Film kosten, schätzt er.

Um die Finanzierung zu sichern, hat der Verein auf der Plattform Startnext ein Crowdfunding gestartet, das bis zum 5. April läuft. Falls es gelingt 15 000 Euro zu erwirtschaften, wird der Film produziert und erste Darlehen beglichen. Sollten es 150 000 Euro werden, könnten fast alle Darlehen der Investoren zurückgezahlt werden. Bei einer Überfinanzierung würde der Verein das Geld in die Theaterproduktion im kommenden Jahr stecken.

Die Filmpremiere ist für Karfreitag, 2. April, um 20.15 Uhr per Stream auf Youtube und Bibel TV geplant. Mal schauen, ob es klappt.

© SZ vom 18.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema