Theater-Kritik:Villa der Hoffnung

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Take the Villa and Run Staatstheater Nürnberg

Franz Beil, Süheyla Ünlü, Yascha Finn Nolting und Julia Bartolome (v.l.) und der wundervolle Chor der jungen Frauen.

(Foto: Katja Hofmann)

René Polleschs Premiere in Nürnberg macht Lust auf ein Wiedersehen

Von Egbert Tholl, Nürnberg

Die Villa ist weg. Süheyla Ünlü kommt auf die Bühne, ganz aufgeregt, ist ja großer Auftritt, großes Haus. Aber das Bühnenbild ist nicht da. Nichts ist da. Also kein unbelebtes Ding. Dafür aber ein Chor, bestehend aus 14 jungen Frauen, die gekleidet sind wie mediterrane Partisaninnen, weiße Kleider und Patronengurte. Ausgesprochen muntere junge Frauen, die mit Ünlü anfangen zu diskutieren, was denn sei, wenn man etwas "viel viel viel mehr will" als der andere, dann dürfe man das doch mitnehmen. Auch wenn es eine Villa sei. Nein, das sei illegal. Das findet der Chor eher doof.

René Pollesch arbeitet zum ersten Mal überhaupt am Staatsschauspiel Nürnberg, und das ist in mehrerlei Hinsicht wundervoll. Seit zwei Jahren leitet Jan Philipp Gloger unter dem Intendanten Jens-Daniel Herzog die Nürnberger Schauspielsparte mit großem Erfolg. Er hat alle Fenster und Türen aufgestoßen für ein gutgelüftetes, zeitgenössisches Theater, das verzaubern kann, ohne sich mit Oberflächenreizen zufrieden zu geben, das zum Nachdenken anregt ohne jede moralinsaure Bräsigkeit. Natürlich: Der Name Pollesch ist ein Label, im kommenden Jahr wird er als Intendant die Berliner Volksbühne übernehmen, er steht für Inszenierungen in Berlin, an den Münchner Kammerspielen und auch am Schauspielhaus Zürich. Und nun eben Nürnberg, dass sich so einreiht in die erste Liga großstädtischen Theaters, wo es in den vergangenen Jahren schon angekommen war, aber nun eben mit Label.

Außerdem ist Polleschs rasanter Abend einfach nur hinreißend. Nicht dass er sich als Autorentheatermacher hier neu erfände, aber dazu gibt es ohnehin wenig Anlass. Man liebt seine Abende oft so, wie sie sind, und dieser hier mit dem an Woody Allen (oder die Steve Miller Band) gemahnenden Titel "Take the Villa and run!" ist so federleicht heiter, dass man danach zumindest für eine geraume Zeit glaubt, den finsteren Herbst des Theaters überstehen zu können - Premiere war kurz vor dem Lockdown, nun liegt die Hoffnung auf den ursprünglich geplanten Dezemberterminen.

Der Chor lenkt dann doch bald ein und baut die Villa wieder auf. Sehr emsig gehen die jungen Frauen zu Werke, dazu hört man laut eine instrumentale Suite mit der Musik aus dem Musical "On the Town", und dieses Basteln ist lustig, weil es diese Villa wirklich gibt, aber auch als Bausatz der Firma Faller, welcher "Villa im Tessin" heißt, aber halt viel kleiner ist. Zudem tauchte diese Villa 1972 auf einem Plakat von Klaus Staeck auf, das sich mit dem Spruch "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen" über Angst-Propaganda lustig machte. Wer also glaubt, bei Pollesch sei alles nur fabelhaft geistreiche Komödie, der darf nie den antikapitalistischen, antirassistischen, feministischen Geist vernachlässigen, der sein Werk durchzieht.

Zwei Schauspielerinnen, zwei Schauspieler, 14 Choristinnen. Das klingt unfair, zumal die jungen Frauen durchaus wehrhaft wirken und sich dann auch in kunterbunte Cowgirls verwandeln. Aber bei Pollesch ist der Chor ja gern ein Individuum, ein hier vierzehnstimmig leuchtendes Ich, das zwar auch mit sich selbst streiten kann, meist aber, perfekt einstudiert durch Christine Groß, mit einer Stimme agiert und, coronabedingt auf Abstand zueinander, die ganze Bühne flutet. Auf der steht dann bald das Haus, gebaut vom Chor und Nina von Mechow, eine Architekturikone der Moderne, rechts voller orangem Plastikmobiliar, links gemütlicher.

Hierin kann man Filme nachspielen und Unsinn machen. Vieles gibt es zu entdecken, den Film "Klauen wir gleich die ganze Bank", in dem aufgeweckte Bankräuber genau dies tun, witzige Episoden aus dem Schauspieldasein, von denen die Protagonisten berichten. Etwa Sechs-Stunden-Abende, die mit einer halben Stunde Vogelgezwitscher begannen, weil's ein technisches Problem gab, oder die Verwunderung darüber, dass die Theaterleute stets sagen, sie wollten nur Fragen stellen und dann in Interviews viele Antworten parat haben. Oder die Frage, ob man wegen einer Super-Illu einen Baum umholzen darf. Vor allem Süheyla Ünlü und Julia Bartolome agieren so gelassen, überlegen, punktgenau, als hätten sie nie was anderes gemacht, als mit Pollesch gearbeitet, da staunt wohl sogar Franz Beil, den Pollesch aus Berlin mitbrachte, Yascha Finn Nolting hält sich tapfer.

Dann wird man entlassen mit Gedanken zur Dialektik des Materialismus, zum Paradox von Verstand und Liebe, die Schauspielerinnen winken, man winkt glücklich zurück.

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