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Theater: "Konzert zur Revolution":Staunen über die Räterepublik

Schorsch Kamerun inszeniert das "Konzert zur Revolution" in den Münchner Kammerspielen. Sogar Sepp Bierbichler spielt mit.

Da sitzen die beiden "Revolutionäre" im Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele und sehen - es ist noch nicht einmal neun Uhr morgens - vor allem müde und gar nicht revolutionär aus. Von der Vorbühne starren lustlos ein paar Mikrophone und Notenständer herab, dahinter sieht es aus wie in einem rumpeligen Requisitenlager. Bühnenarbeiter suchen die imaginierte Ordnung in diesem sperrigen Chaos zu fassen.

Wortführer der beiden müden Revoluzzer ist, natürlich, Schorsch Kamerun. Vorsänger der Goldenen Zitronen, Regisseur selbstgebastelter Stücke und seit diesem Sommer 2009 sogar Klassik-affin. Durfte er doch an der Bayerischen Staatsoper Leonard Bernsteins schräges Musical "Trouble in Tahiti" bunt unterkühlt ironisch hinstellen.

Der Ausflug in die große Klassikwelt hat Schorsch Kamerun nicht geschadet, und nun hat er für "Konzert zur Revolution", das am Samstag erstmals in den Münchner Kammerspielen über die Bühne geht, einen veritablen Komponisten zur Seite, Carl Oesterhelt. Der spielt in der Band F.S.K. Schlagzeug, Keybord, Trompete, und er tut das meiste davon auch in den Kammerspielen. Aber vor allem setzt er sich als Komponist in Szene.

Was für Musik er komponiert? Oesterhelt murmelt etwas von "seriell" und "Zwölf-Ton". Aber schon hat Kamerun wieder das Wort. Die Texte seien keine typischen Song-Texte: Zwei Nummern der Zitronen neu vertont, Oskar Maria Graf-Verse, eine Marx & Engels-Kombination, Tucholsky, Toller, Mühsam, Marut.

Oesterhelt schwärmt von 1927. Was die sich damals noch trauten, wie klar die Fronten damals waren: "Starke Stürme". Langsam reden sich die beiden Revolutionäre wach. Sie schauen voll Staunen auf die Räterepublik, sie fühlen sich Oskar Maria Graf verwandt. "Die Protagonisten sind spannend." Aber diese Faszination entlädt sich nicht in echtem Enthusiasmus. Kamerun, Jahrgang 1963, und Oesterhelt, eher publicityscheu, sind ganz klar Bühnenkinder unserer Zeit: Züchtig geradezu und fast scheu bewundern sie aus der Ferne. Aber die Hand zur Faust zu ballen, das käme ihnen trotz all ihrer milde formulierten Generalkritik am Heute nur albern vor. Wie aber macht man ein Revolutionskonzert mit so vielen Zweifeln?

Irgendwann muss Oesterhelt in die Requisite, er wird hergerichtet für die Bühne. Kamerun hat vorher erklärt, dass Großschauspieler Sepp Bierbichler nur noch ganz selten Theater spiele und wenn, dann bestünde er darauf, dass alle Beteiligten mitmachten. Also auch Regisseur und Komponist. Oesterhelt gleicht auf der Bühne Giuseppe Verdi - während Kamerun einem Erdinger Jimi Hendrix ähnelt und Sepp Bierbichler wie immer Sepp Bierbichler.

Gelegentlich gibt Oesterhelt dem Attac-Chor Einsätze, meist aber begleitet er am Schlagzeug das Revolutionsorchester: ein Bläser, sieben Streicher, Schlagzeug und ein säuselndes indisches Harmonium.

Oesterhelt sieht nur aus wie Verdi. Seine Stücke aber klingen wie eine Mischung aus Paul Hindemith und Phil Glass. Herb sinnlich sind die Klänge und autonom setzen sie sich gegen die Texte. Die Einzelnummern sind keine Ohrwürmer. Aber sie werden pausenlos und eine Stunde lang hintereinander gespielt. Sie sind der klingende Mittelteil eines szenischen Triptychons mit gefilmtem Epilog.

So fügt sich das zu einer Art Kammerliedersymphonie. Dass Sepp Bierbichler seit Heiner Goebels "Eisler-Material" - von dessen struktureller Strenge sich Oesterhelt & Kamerun distanzieren - auch als Sänger mit wechselndem Erfolg unterwegs ist, wird geschickt eingebaut. Den Rest besorgen Wiebke Puls, Steven Scharf und Schorsch Kamerun.

Oesterhelt scheint aus Dmitri Schostakowitschs Revolutionsmusiken und Hanns Eislers "Deutscher Symphonie" jedes Pathos, jede romantische Sehnsucht, jeden Seelenschmerz herausgeschmolzen zu haben. Weshalb die aufständlerische Naivität der Texte plötzlich jener Verwunderung weicht, die auch die beiden müden Revoluzzer im Zuschauerraum mit jedem Satz zur Schau stellen.

© SZ vom 23.10.2009
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