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Theater in München:Dramaturgische Arroganz

Was ein Freund klassischen Sprechtheaters den Bühnen ins Stammbuch schreiben möchte

"Beneidenswert frei" (12. Oktober) und "Ach, diese Realität" (10./11. Oktober):

Da ich schon zu den Älteren zähle, ging ich kürzlich auf dem Bogenhausener Friedhof (in München; d. Red.) spazieren und verspürte an zwei Stellen leichtes Beben. Das erste Mal war es vor dem Grab spürbar, in dem Rolf Boysen und seine Frau ruhen, und dann noch einmal in der Nähe des Grabes von Oskar Maria Graf. Und ich vernahm ein leises Wispern, beim Boysen eher ein Weinen und Schluchzen, und ich verstand so was wie "warum in meinen Kammerspielen kein Theaterstück mehr..." Ich flüsterte zurück: Stimmt nicht ganz, immerhin ein Stück gibt es noch, "Heldenplatz" von Thomas Bernhard. Bei Graf verstand ich nur: "Himmelkruzifix, wenn ich ein Stück hätte schreiben wollen, hätt ich es getan." Ich vermute, dass er die Adaption seines Romans "Einer gegen alle" im Residenztheater meinte.

Da merkt man, dachte ich mir, dass Graf schon lange tot ist, denn dass Theaterstücke aufgeführt werden, gibt es kaum noch, aber auf die Bühne gewuchtete Romane zuhauf. Und er kann daher nicht wissen, wie schön das für die Akteure, meistens Dramaturgen oder/und Regisseure, ist, wenn sie einen Roman lesen und dann meinen, das wäre doch was für die Bühne. Nichts ist vor ihnen sicher, kein Thema, kein Stück Prosa, aber jeder so aufbereitete Roman ist eine Uraufführung: Was will man mehr als drittklassiger Dramaturg/Regisseur.

Ein wenig Aufklärung bietet der Artikel von Egbert Tholl zu den Kammerspielen, in dem der bemerkenswerte Satz steht: "Alle diejenigen, die an Mundels Vorgänger Mathias Lilienthal verzweifelten und von dessen Auffassung eines in alle Richtungen offenen Theaters überfordert waren, werden ihre Sehnsucht nach klassischer theatraler Aufbereitung alter Theatertexte noch ein wenig hintanstellen müssen." Und dann fällt auch noch der Begriff "Stadttheater", das Frau Mundel in München machen will.

Dazu möchte ich drei Anmerkungen machen. Was ist, bitteschön, Stadttheater? Ein Gegensatz zum Landtheater? Oder eines, in dem keine Theaterstücke mehr aufgeführt werden? Was hat das dann mit dem Begriff der Stadt zu tun?

Dann finde ich es mittlerweile ziemlich unverschämt, dass die Liebhaber von zeitlos schönen Texten, Themen und Stücken als Altvordere und daher als Überforderte hingestellt werden. Ich bin nicht "überfordert", sondern grantig, denn meine Sehnsucht nach Shakespeare, Schiller, Kroetz und vielen anderen Stückeautoren kann mit den doch meistens sehr pubertären Performances nicht gestillt werden. Und Romane lese ich viele und gerne, aber ich nehme die Autoren ernst. Ein Prosastück ist ein Prosastück und wenn der Autor der Meinung gewesen wäre, die Thematik würde sich eher für das Theater eignen, dann hätte er es getan.

Übrigens liegt der Formulierung der "Überforderung" ein gerütteltes Maß an Arroganz und Hochmut zugrunde, gerade so, als ob die Apologeten des Gehampels, spontanen Gestammels und Schreiens das Recht auf die Bühnen gepachtet hätten. Und die Feststellung, dass die klassischen alten Theatertexte hintangestellt werden müssen, zeigt, dass der Autor nur wenig vom Theater verstanden hat - und ich verzichte darauf, zu zitieren oder zu zeigen, wie zeitlos klassische Texte sind. Jeder, der Theater liebt, weiß das!

Um mit Shakespeare zu sprechen: Frau Mundel und Herr Beck, die Kultuspolitiker in Stadt und Land, die jungen Dramaturgen und Regisseure, aber auch viele Theaterkritiker sind alle ehrenwerte Menschen. Aber eben nur ehrenwert, nicht unbedingt klug. Brutus hat Cäsar erdolcht, und diese Menschen meucheln das kulturelle Erbe des Sprechtheaters.

Florian Fischer, München

© SZ vom 24.10.2020
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