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Theater im Netz:Lebkuchen für alle

Live-Stream aus dem Gärtnerplatztheater

Von Egbert Tholl

Am 14. Dezember 1974 hatte am Gärtnerplatztheater in München Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" in der Inszenierung von Peter Kertz ihre erste Premiere. Die zweite folgt nun am Samstag (21. 11.) um 19 Uhr. Dann nämlich sendet das Gärtnerplatztheater zum ersten Mal live via Stream. Bislang fehlte dem eng budgetiertem Haus die dafür notwendige technische Ausrüstung, nun hat das Kunstministerium die nötigen 35 000 Euro bereitgestellt, in einem unbürokratischen Akt durch Minister Bernd Sibler. Also wenigstens ein Stream der Weihnachtsoper in der Vorweihnachtszeit.

Wobei: Noch hofft der Gärtnerplatzintendant Josef E. Köpplinger voller Optimismus darauf, von 1. Dezember an wieder vor Publikum spielen lassen zu können. "Das Publikum scharrt mit den Hufen! Wir haben unter wissenschaftlicher Begleitung alles getan, was für die Hygienemaßnahmen notwendig ist. Die Zuschauer können sich bei uns sicher fühlen, und ich spreche jetzt nicht von 50, ich spreche von 200 oder mehr."

Natürlich freut er sich auch ein bisschen, dass nun wenigstens der Stream möglich ist, weil um etwas zu streamen, muss man eben auch live etwas aufführen, was für alle Sängerinnen, Sänger und Musiker ein Segen sei, denn der Künstler müsse die Kunst ausüben, um atmen zu können. Damit die Übertragung nicht nur auf der Bühne das Live-Erlebnis simuliert, sitzen bis zu 70 Mitarbeiter des Hauses ordentlich verteilt im Parkett und im Balkon und applaudieren, wenn es ihnen gefällt - "die können tun, was sie wollen", so Köpplinger.

Für ihn ist ein Stream ungefähr so, als würde man durch eine Infusion ernährt und kriege nichts Richtiges zu essen. Aber wenigstens halt Infusion. "Ich hoffe, dass das Grundrecht auf Kunst und Kultur den Menschen nicht entzogen wird." Und ein wenig Planungssicherheit wäre auch mal schön - gerade im Musiktheater sind die Vorlaufzeiten der Produktionen enorm.

Die "Hänsel und Gretel"-Inszenierung nennt Köpplinger selbst eine "Bilderbuchmuseumsproduktion". Eigentlich wollte er schon längst eine Neuinszenierung herausbringen, aber dann sei ihm die Staatsoper zuvor gekommen - und er beließ es bei der alten, von den Sängern geliebten Inszenierung, mit einem schelmischen Lächeln: "Menschen, die heute Großmütter sind, waren da schon als kleine Kinder drin."

© SZ vom 21.11.2020

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