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Theater:Glaube, Flitter, Hoffnung

In der St. Maximilianskirche wird bildreich um eine Seele gerungen - zumindest bei den Proben zum "Jedermann".

(Foto: Robert Haas)

Anna Funk inszeniert in der Maximilianskirche Hugo von Hofmannsthals "Jedermann". Die Titelrolle hat die Schauspielerin Ulrike Dostal übernommen

Von Karl Forster

Gott beißt zufrieden in die Wurstsemmel, denn er hat gesehen, dass es gut war. "Fürwahr, mag länger das nit ertragen / Dass alle Kreatur gegen mich / Ihr Herz verhärtet böslich ...", hat er geklagt von der Empore herab, vor der mächtigen Orgel in der Kirche St. Maximilian, mit den prächtigen, wenn auch nicht ganz alten Kirchenfenstern. Das klang ganz großartig. Gott muss sich hier zwar einen Menschen auch mit Tod und Teufel teilen, aber das hat die Regisseurin Anna Funk für die Aufführung des "Jedermann" recht funktionell gelöst. Amadeus Bodis jedenfalls, als Schauspieler auf diversen Münchner Bühnen zuhause, gibt den Gott souverän göttlich, den Tod tödlich und, was wundert's, den Teufel teuflisch. Anna Funk jedenfalls ist zum einen mit ihrem Ensemble sehr zufrieden an diesem Probensonntag, zum anderen glücklich über den Umstand, dass Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel dort eine Bühne gefunden hat, wo Mysterien diverser Ausprägungen ihre Heimat haben, in einer Kirche.

Anna Funk, vor gut 30 Jahren in Kehlheim geboren, hat in München Theaterwissenschaft und im zweiten Durchgang Germanistik und Religion fürs Lehrfach studiert. So weckt sie zum einen als Studienrätin am Maria-Theresia-Gymnasium mit einer Theatergruppe Interesse an der Arbeit auf der Bühne, zum anderen bleibt noch genügend Reserve für ihre Lieblingsbeschäftigung als freie Regisseurin, der sie seit Studienzeiten mit Erfolg nachgeht. Shakespeares "Viel Lärm um nichts", "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und diverse Produktionen mit dem Chiemgauer Volkstheater stehen im Portfolio. Doch es scheint, als hätte es ihr der "Jedermann" ganz besonders angetan.

Nicht dass sie die knitteligen Verse groß revolutioniert hätte, aber dass ihr "Jedermann" eigentlich "Jedefrau" heißen müsste, was natürlich blöd klänge, liegt daran, dass die Titelrolle von Ulrike Dostal gespielt wird, einer preisgekrönten Stammkraft des Gärtnerplatztheaters. Es ist also nur logisch, dass Jedermanns Buhlschaft, Paraderolle sonst für Schauspielerinnen mit Freude an darstellerischer Üppigkeit, hier von einem jungen Mann gegeben wird. Er heißt Philipp Andriotis, hat bei der Probe die Haare zum Dutt gebunden und ist ein Ausbund an Virilität und dramatischer Wucht mit großer Stimme und Überzeugungskraft als männliche Buhlschaft.

Es ist ja immer wieder erstaunlich, welche Kraft Hofmannsthals Verse entwickeln, die, schwarz auf weiß gelesen doch etwas unbeholfen daherkommen, wenn sie mit Verve und professionellem Druck dargeboten werden. Und es braucht nicht viel, um aus dem Stück eine zeitgemäße Allegorie auf das Leben (in München?) von heute zu machen. Zwar kann das neoromanische Ambiente der gewaltigen Kirche im Glockenbachviertel nicht ganz mit der berühmten Konkurrenz, dem Salzburger Domplatz, mithalten. Noch dazu bei der Probe im riesigen Geviert keine Zuschauer den Hall dämpfen, die Mikroports ab und an verrückt spielen, die effektivste Stellung der Nebelmaschine noch nicht ausdiskutiert ist und gerade bei der erotisch ausgeprägten Szene zwischen Jedermann und Buhlschaft auf Corona gemäßem Abstand geachtet werden muss.

Dafür sorgt die einem modeschaulichen Catwalk ähnliche Bühne für eine angenehme Nähe zum Spiel und verspricht die Besetzung des "Glaubens" einen ganz speziellen Effekt. Wird doch diese Rolle von keinem anderen als dem amtierenden Herrn des Hauses, dem Pfarrer Rainer Maria Schießler gegeben, einem Mann Gottes, der schon in diversen profaneren Rollen auf Menschenfang war, etwa als Kellner auf der Wiesn oder als Promigast bei Hannes Ringlstetter.

Er also schimpft hier in perfekter Personalunion als Schauspieler und Priester gegen Ende des "Spiels vom Sterben des reichen Mannes": "Bist ganz Wollust denn ertrunken / In Lastern völlig gar versunken, / Daß dir nit auf die Lippen komm, / Was ewig deiner Seele frommt?" Nun, wer den Pfarrer Schießler ein bisschen kennt, weiß, dass das nicht ganz der Tonfall ist, in dem er mit seinen Schäflein zu reden pflegt. Es ist halt ein Mysterienspiel, entliehen dem Mittelalter, aber von allzeitiger Gültigkeit. Wie schimpft der Teufel, der hier in St Maximilian vorher schon Gott und Tod war, kurz vor Schluss? "Die Welt ist dumm, gemein und schlecht / Und geht Gewalt allzeit vor Recht, / Ist einer redlich, treu und klug, / Ihn meistern Arglist und Betrug."

Und dann sind auch noch die Wurstsemmeln aus.

Jedermann von Hugo von Hofmannsthal, Anna Funk Ensemble, Maximilianskirche, Auenstraße, 25., 26., 31. Juli, 1., 2. August, Beginn 19 Uhr

© SZ vom 23.07.2020

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