Theater:Fulminantes Solo

Kulturbühne Spagat produziert ein Stück über Missbrauch

Von Egbert Tholl

Odette tanzt. Tanzt, um auszudrücken, was sie nicht sagen kann, worüber sie nicht reden kann, auch weil ihr niemand zuhören will. Odette tanzt sich weg vom Grauen, das ihr als Kind widerfuhr, von dem, was ihr der nette Onkel, der Freund der Familie, angetan hatte, tanzt sich frei von ihrem Leben, das ihr kaputt gemacht wurde. Odette ist Lucca Züchner, und Lucca Züchner ist toll.

Es ist ein eigenartiges Erlebnis, als versprengter Gast einer Theaterprobe beizuwohnen, die eigentlich eine Aufführung ist, aber keine sein darf. Vor einem Monat waren Züchner und Thorsten Krohn, der den Monolog "Kitzeleien - der Tanz der Wut" mit ihr inszeniert hat, mit ihrer Arbeit fertig. Nur zeigen durften sie sie nicht. Also arbeiten sie weiter daran, damit alles frisch bleibt, laden manchmal jemanden dazu ein. Stephanie Tschunko, die die Aufführung produziert, hofft auf Vorstellungen an der von ihr geleiteten Kulturbühne Spagat in Milbertshofen. Geplant ist bislang die Premiere am 29. April. Wenn sie möglich sein kann. Merken sollte man sich das Datum auf jeden Fall.

Das Stück, das Andréa Bescond zusammen mit Eric Métayer schrieb, kam 2016 in Paris heraus, sie spielte es selbst, verfilmte es mit Métayer zusammen. Züchners Solo wäre die deutsche Erstaufführung eines fulminant wichtigen Textes, der die Komik und den Aberwitz kennt, der gleichzeitig hart ist, voller Wut und Schmerz.

Odette ist acht, als sich der Onkel mit ihr im Badezimmer einschließt, sie missbraucht, sich an dem Kind befriedigt, wieder und wieder. Die Mutter, das erfährt man in mäandernden Zeitschleifen, will in ihrer damenhaften Selbststilisierung keinen Schmerz des Kindes sehen, der Vater spielt kaum eine Rolle und wird nur im Traum zum Held. Und dann tanzt Odette, wechselt auf ein Internat, wird auch dort den Peiniger nicht los. Sie tanzt weiter, nimmt Drogen, kennt kaum die Namen der Männer, mit denen sie schläft. Bis alles endlich rauskommt aus ihr. Sie zeigt den Täter an, der ist inzwischen längst aktenkundig, die Mutter versteht nichts mehr, zusammen gehen sie in Therapie. Wer hat die nun nötiger, Mutter oder Tochter?

Lucca Züchner hat alle Stimmen der vielen Figuren in sich, lässt sie plastisch werden, springt hin und er, auch von dem Witz in die größte Verzweiflung. Sie braucht auf der Bühne nichts als sich allein, Musik zum Tanzen und das exakte Auge ihres Regisseurs. Züchner ist mitreißend, trägt mit Verve über die wenigen, winzigen Momente hinweg, an denen der Text etwas von seiner Kontur verliert. Für eineinhalb Stunden erlebt man, wie wichtig und aufregend echtes Theater ist.

© SZ vom 22.03.2021
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