Kultur- und Freizeittipps der Schauspielerin und Regisseurin Lucy WirthIntensive Momente auf Münchens Bühnen

Lesezeit: 4 Min.

Energiebündel auf der Bühne: Lucy Wirth zeigt im Theater Spagat in München ihren Soloabend „Blutbuch“.
Energiebündel auf der Bühne: Lucy Wirth zeigt im Theater Spagat in München ihren Soloabend „Blutbuch“. Severin Vogl

Die Schauspielerin und Regisseurin Lucy Wirth freut sich in der Woche von 18. bis 24. Mai auf Country im Rattlesnake Saloon, die Pfingstmesse in St. Michael und ihren eigenen Soloabend.

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Montag: Haariges Vergnügen

Seit ich graue Haare habe, spiele ich bei Film und Fernsehen vornehmlich Geister, Mörderinnen und Verrückte. Schon interessant, dass Haarfarbe (bei Frauen) die Rollenangebote so stark steuert. Heute besuche ich „Haar – Macht – Lust“, eine Ausstellung in der Kunsthalle München, die die vielfältigen Bedeutungen von Kopf- und Körperhaar in den Blick nimmt. Ob ich es will oder nicht, meine Haarfarbe ist wohl ein politisches Statement – ein Zeichen von Protest, Identität und Selbstbestimmung. Zusätzlich bin ich absolut zu faul und beschäftigt, einmal im Monat zum Friseur zu gehen. Wenn Friseur, dann mache ich das bei Tina im Salon „La Nemetz“ im Lehel gleich in der Nähe der Kunsthalle, mit viel Zeit – Tina hat big personality und ihren eigenen Rhythmus – und Deep-Spa-mässigen Dampf-im-Gesicht-Geschichten mit allem Drum und Dran.

Dienstag: Wut und Ekstase

Feministischer Aufschrei in der männerdominierten Black-Metal-Szene: Der Film „Hex“ begleitet die norwegische Band „Witch Club Satan“.
Feministischer Aufschrei in der männerdominierten Black-Metal-Szene: Der Film „Hex“ begleitet die norwegische Band „Witch Club Satan“. Dok-Fest

Das grossartige Dok-Fest München läuft noch online bis zum 25. Mai. Fast alle Filme kann man zuhause für fünf Euro streamen. Ich habe in dieser Woche besonders den Dokumentarfilm „Hex“ von Maja Holand im Auge, über drei Musikerinnen in der männlich dominierten norwegischen Black-Metal-Musikszene. Mit meinem Theaterkollektiv „storytelling engines“ – wir sind auch zu dritt und haben zuletzt Stoffe von Liv Strömquist und Miranda July auf die Bühne gebracht – suche ich immer Geschichten von und über Frauen. Ich hoffe, dass im Film das sogenannte Growling vorkommt, das Schreien beim Metal-Gesang, ohne die Stimme zu beschädigen – eine Technik, die man wirklich lange üben muss und die ich gerne lernen würde. Unterricht in München gesucht – eine gute Art, Wut und Ekstase zu kanalisieren, wie ich finde.

Mittwoch: Inniger Bühnen-Monolog

Heute läuft mein Monolog „Blutbuch“ an der Kulturbühne Spagat. Der Abend basiert auf dem gleichnamigen Roman von Kim de l'Horizon, der 2022 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis gewann, Florentina Tautu hat das Stück inszeniert. Es geht um Identität, Schweigen in Familien, Traumata, die sich durch Frauengenerationen ziehen, und darum, einen ureigenen Körper zu finden. Für mich geht es auch darum, beim Spielen Räuspern und umkippende Gläser auszufiltern, denn es ist der intimste Raum, in dem ich je aufgetreten bin. Ich freue mich bei der Wiederaufnahme noch tiefer in diesen wilden, innigen Text hineinzutauchen. Er wird immer fragiler und vielschichtiger, je öfter ich ihn spiele. Wer den Roman noch nicht gelesen hat: Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt. Und wer ihn kennt: Kommt schauen, was die Bühne damit macht. An alle Couch Potatoes: Ja, es ist in Schwabing-Freimann, aber die Tram 23 fährt direkt vor die Tür, Schwabing Nord aussteigen! Spagat Theater, 20./21./22. Mai, 19.30 Uhr.

Donnerstag: Theatersolo über Adoption

Schauspielerin Sarella Vargas setzt sich im Theater Hoch X mit Verlust, Identität und Zugehörigkeit auseinander, und hinterfragt die gängigen Narrative von Adoption als Happy End.
Schauspielerin Sarella Vargas setzt sich im Theater Hoch X mit Verlust, Identität und Zugehörigkeit auseinander, und hinterfragt die gängigen Narrative von Adoption als Happy End. Bastian Eipert / Theater Hoch X

Wer „Blutbuch“ gestern schon gesehen hat, dem empfehle ich das Theater Hoch X, eine fantastische Spielstätte für freies Theater in der Au. Am Samstag ist dort die Premiere von „Love Is Not Enough" zu sehen – ein Solo der Schauspielerin Sarella Vargas, die in Peru geboren ist und nach Deutschland adoptiert wurde. Auf der Bühne setzt sie sich mit Verlust, Identität und Zugehörigkeit auseinander, und hinterfragt die gängigen Narrative von Adoption als Happy End. Zugehörigkeit ist ein wichtiges Thema für mich – auch wenn die Schweiz kulturell und geografisch nicht weit weg ist, vermisse ich oft mein Zuhause, und merke, wie mein Nervensystem sofort runter fährt, wenn ich dort aus dem Zug steige. Auch habe ich erst in den letzten Jahren angefangen, in meiner Muttersprache Amerikanisch Theater zu spielen, und habe gemerkt, wie viele neue Ideen kommen, wie sich die Stimme und der Körper dabei verändern und welche inneren Räume dabei nochmals für mich aufgegangen sind.

Freitag: Country wie in Nashville

Auftritt der „Huckleberry Five“, einer der Hausbands im Rattlesnake Saloon. Der Club im Nordwesten Münchens ist ein gefragter Treffpunkt in der Countryszene.
Auftritt der „Huckleberry Five“, einer der Hausbands im Rattlesnake Saloon. Der Club im Nordwesten Münchens ist ein gefragter Treffpunkt in der Countryszene. Robert Haas

Meine Mutter ist Amerikanerin, und mein allererstes Konzert mit sieben zarten Jahren war eine Show der Country-Ikone Emmylou Harris in Zürich. In München gibt es für Country-Musik einen fast geheimen Ort: den Rattlesnake Saloon in der Schneeglöckchenstraße, seit 1985 versteckt in einem Wohnviertel im Norden der Stadt. Der Saloon wurde bei den Ameripolitan Music Awards als beste Roots-Music-Bar weltweit ausgezeichnet. Ich wollte mich eigentlich mit meinem ersten Solo, der Cowboy-Figur Randy aus Texas, dort bewerben, bis mir angedeutet wurde, dass die Rattlesnakes Country sehr ernst nehmen und die Ironie der Show vermutlich nicht goutieren würden. Also düse ich heute nach meiner Blutbuch-Vorstellung noch auf ein Bud Light rüber und bin würdevoll lauschende Zuschauerin. Country, Rockabilly, Bluegrass oder Cajun gibt es live ab 20.30.

Samstag: Tischtennis mit den Töchtern

Tischtennis ist ein beliebter Sport im Freien. Platten gibt es in der Stadt viele, zum Beispiel in der Danklstraße hinter dem Südbad.
Tischtennis ist ein beliebter Sport im Freien. Platten gibt es in der Stadt viele, zum Beispiel in der Danklstraße hinter dem Südbad. Florian Peljak

Heute wird Sendling bespielt. Direkt nach dem Frühstück im Cafe Dankl (bestes Shakshuka) stehe ich mit meinen Töchtern an der Tischtennisplatte am Valley Spielplatz. Dieser winzige Ball macht mich wirklich fertig. Wenn ich schiele und nicht mehr kann, wechseln wir zu Fußball auf der Stemmerwiese, oder Schwimmen im Südbad – dadurch, dass wir so nah am Bad wohnen, konnten meine Kinder schwimmen, bevor sie laufen konnten. Im Libanesen „Beirut Beirut“ wird Mittag gegessen – Pommes, aber mit libanesischem Gewürzeinschlag – und zum Abschluss gibt es ein Eis vom Eiswagen Da Ora auf dem Stemmerhof. Griechischer Joghurt und Haselnuss lautet meine Empfehlung. Bei Eis, oder Glace wie wir daheim sagen, bin ich höchst picky, ein intoleranter, elitärer Snob. Dieses Eis geht schwer in Ordnung.

Sonntag: God is a DJ

In der Kirche St. Michael in der Münchner Fußgängerzone wird am Pfingssonntag die Cäcilienmesse von Gounod zelebriert.
In der Kirche St. Michael in der Münchner Fußgängerzone wird am Pfingssonntag die Cäcilienmesse von Gounod zelebriert. Stephan Rumpf

An diesem Pfingstsonntag suche ich mir die opulenteste katholische Messe, die ich in München finden kann: in der Jesuitenkirche St. Michael, in der Fußgängerzone der Altstadt. Über Ostern war ich in Sizilien, bei den Osterprozessionen in Trapani – das hat mich, obwohl ich nicht religiös bin, absolut weggebeamt. 20 riesige Statuen werden in Begleitung von Blaskapellen von den Bewohnern Trapanis während 24 Stunden durch die Stadt getragen. Was für ein zutiefst berührendes Trauerritual! Ich habe seitdem viel über den gemeinschaftsstiftenden Aspekt der Kirche nachgedacht, und auch über die Kraft ihrer Flamboyanz und Theatralik. Ich werde früh genug in der St. Michaels Kirche erscheinen, jeder Treppenabsatz, jeder Stein wird als Sitzplatz genutzt. An Pfingsten wird dort um 10 Uhr die Cäcilienmesse von Gounod zelebriert, mit Chor und Orchester. Die Bläser spielen wohl in verschiedene Himmelsrichtungen, mit einem rauschhaften Dolby Surround Effekt. Große Oper. God is a DJ.

Lucy Wirth.
Lucy Wirth. Elizaveta Porodina

Lucy Wirth ist schweizerisch-amerikanische Schauspielerin und Regisseurin. Sie studierte Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München und war anschließend festes Ensemblemitglied unter anderem am Bayerischen Staatsschauspiel und an der Schaubühne Berlin. Engagements führten sie an die Theater Neumarkt, Zürich,  Augsburg, Basel und zu zahlreichen freien Produktionen im deutschsprachigen Raum. Neben ihrer Arbeit für Film und Fernsehen entwickelt sie eigene Projekte, performative Recherchen und politische Stückentwicklungen. Sie wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis, dem Kurt-Meisel-Preis und dem Kulturförderpreis der Bodenseekonferenz ausgezeichnet.

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