Montag: Sticken, stricken, stöbern

Die „Handarbeitsstub’n“ in der St.-Bonifatius-Straße 2 könnte leicht übersehen werden, das Geschäft an sich ist klein und ohne Leuchtreklame. Wenn man aber erst einmal drin ist, liegt einem die ganze Welt der Handarbeit zu Füssen. Eigentlich kann man immer etwas finden, ob Knopf, Wolle, Stickgarn, Strickmuster oder einfach nur ein interessantes Gespräch. Die Inhaberin ist über 90, aber was sind schon Zahlen? In diesem Fall wirklich gar nichts. Ihre gedankliche Beweglichkeit ist inspirierend und zieht mich in das Geschäft, auch wenn ich gar nichts brauche. Vielleicht auch, weil die Inhaberin ein sehr positives Bild des Alterns in sich trägt. Jeglicher Jugendlichkeitswahn verblasst und ich wünsche mir: So möchte auch ich alt werden.
Dienstag: Köstlich vietnamesisch
Manchmal sind es die kleinen Dinge, die glücklich machen. Natürlich muss man sie erkennen. Ich bin froh, dass ich schon seit fast 30 Jahren erkannt habe, dass mein Mann hervorragend kocht. Wenn ich trotzdem mal essen gehen möchte, dann besonders gern im „Jalin“. Dieses kleine, aber feine Restaurant serviert vietnamesische Gerichte. Die Fischsoße des Hauses wird in einer extra Flasche auf den Tisch gestellt. Sie ist so köstlich, dass ich am liebsten darin baden würde. Alles ist frisch und knackig, die Preise sind erschwinglich – deswegen ist der Laden auch immer gut besucht.
Mittwoch: Sehenswerte Ausstellung

Die Villa Stuck wurde gerade wieder dem Publikum zugänglich gemacht und zeigt sich in ihrer ganzen Pracht. Delschad Numan Khorschid und Jan-Hendrik Pelz haben dort zusammen die Ausstellung „Zehn Leben“ auf die Beine gestellt. Darin werden Flucht, Trauma und Sehnsucht thematisiert. Delschad, ein Schauspielkollege von mir aus dem Residenztheater, hat vor Kurzem das Buch „Nirgendwo ist mein Zuhause“ veröffentlicht. Wir haben erst einmal im selben Stück gespielt. Er spielte einen Klempner, der mit einer scheinbaren Leichtigkeit über sein Versagen als Ehemann sprach. Das hat mich sehr berührt. Obwohl er nur wenig Text hatte, öffnete Delschad den Blick in den unausgesprochenen Abgrund der Figur. Auch die Ausstellung ist absolut sehenswert.
Donnerstag: Brot selber backen

Einmal in der Woche muss Brot gebacken werden. Nach jahrelangen Experimenten hat sich das Brot mit Bier, Roggen, Dinkelvollkorn und Schabzigerklee durchgesetzt. Also, zumindest zurzeit. Jedes Mal ist es mir eine Freude, vom schlabbrigen Sauerteig bis zum wohlgeformten Laib Brot zu werkeln. Die Zutaten kaufe ich am liebsten in der Hofbräuhaus-Kunstmühle ein. Ich hoffe inständig, dass dieses Geschäft niemals dem Internethandel anheimfallen wird. Es ist einfach zu schön.
Freitag: Der Schwab im Resi
Das Stück „Die Präsidentinnen“ des österreichischen Autors Werner Schwab zählt zu den modernen Klassikern des Theaters. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen, die in prekären Verhältnissen leben, den Großteil ihres Lebens bereits hinter sich haben, aber immer noch bereit sind zu träumen. Was jetzt vielleicht schnulzig klingt, ist im Theatertext derb, schonungslos, politisch alles andere als korrekt und herrlich bösartig. Während der Schauspielschule Anfang der Neunzigerjahre sah ich das erste Mal einen Schwab-Abend im Deutschen Theater Berlin und war der Sprache und den Themen sofort verfallen. So was hatte ich noch nicht gehört und gesehen. Seitdem hegte ich den Wunsch, auch einmal Schwab zu spielen. Mehrfach erarbeitete ich die Rolle der Mariedl mit Schauspielschülerinnen, aber die anderen Rollen sind auch hervorragend – und vor allem wollte ich nicht zusehen, sondern selber machen. Claudia Bauer kenne ich, seitdem wir zeitgleich mit leerem Blick aus Erschöpfung auf die jeweiligen Spinde in der Damenumkleide der Schauspielschule gestarrt haben. Zum Glück sind wir uns Jahre später wieder begegnet und haben schon mehrfach miteinander gearbeitet. Ich bewundere Claudia für ihre blühende Fantasie, die sich gerne außerhalb der Konventionen bewegt, ihre Formsicherheit und ihren Humor. Zu ihrem Team gehören Andreas Auerbach, der lustvolle Bühnen baut und Vanessa Rust, die in den Kostümen das fortsetzt, was Claudia inszeniert. Ich liebe ihre Abende, ob ich sie sehe oder spiele. Heute ist so ein Tag. Um 19.30 Uhr geht der Lappen hoch im Residenztheater. Mit Myriam Schröder und Lisa Wagner steige ich in den Ring und darf den Schwab in das Resi blasen.
Samstag: Ungewöhnliche Inszenierung

„Mein kleines Prachttier“ nach dem Roman von Marieke Lucas Rijnveld läuft ab heute in den Kammerspielen. Es gibt gleich mehrere Gründe, sich diesen Abend anzuschauen: Erstens ist es immer inspirierend zu sehen, was die Konkurrenz macht. Zweitens hat mich die Regisseurin Leonie Böhm mit „Fräulein Else“ neugierig auf mehr gemacht. Und drittens ist es ungewöhnlich, das Missbrauchsthema aus der Perspektive des Täters darzustellen, sodass ich mich frage, wie die Kolleginnen aus den Kammerspielen das künstlerisch angehen werden. Noch dazu, wo am Residenztheater ab der kommenden Spielzeit ein themenverwandtes Stück auf den Spielplan kommt: „Bye, Bye Lolita“ von Lea Ruckpaul unter der Regie von Nora Schlocker, das die Perspektive der Lolita aus dem gleichnamigen Roman von Nabokov einnimmt.
Sonntag: Oase der Natur und Stille

Der Alte Südliche Friedhof war früher ein Pestfriedhof und von 1788 bis 1868 der einzige Friedhof Münchens. Das kann man bei Wikipedia nachlesen. Für mich ist er eine Mischung aus Erholung, Besinnung, Zeitreise und guter Luft. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Pfarrerstochter manchmal zu fremden Beerdigungen mit musste, weil es ein Betreuungsproblem gab. In meinen beiden Schwangerschaften habe ich mich für die Vornamen auf den Grabsteinen interessiert, um in dieser Hinsicht inspiriert zu werden. Jetzt lese ich die Namen und kann es mir nicht verkneifen, dahinter spontan ein Leben zu fantasieren. Mitten in der Stadt ist der Alte Südliche Friedhof eine Oase der Natur und der Stille.

Katja Jung ist in Bonn geboren, aufgewachsen ist sie aber in Berlin-Spandau Haselhorst als Tochter von friedensbewegten, ökologisch denkenden Menschen, die die Idee hatten, einen ehemaligen Bauernhof in Südniedersachsen zu kaufen und dort eine Selbstversorger-Wohngemeinschaft zu gründen. Ab dem Alter von 13 Jahren gehörten wöchentliche Hausversammlungen und Küchendienste zum Teenager-Alltag. Den Kinderträumen folgend, besuchte sie erst die „Toneelschool Amsterdam“, wechselte nach einem Jahr auf die Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin. Ihre Engagements führten sie über Basel, Wien und noch einmal Basel nach München, wo sie seit 2019 dem Ensemble des Residenztheaters angehört.

