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Theater:Eine Menge auf Lager

Tams Haus Nix

Sophie Wendt nimmt das Publikum mit auf eine Spurensuche durch vergangene Zeiten und durch die Literatur.

(Foto: Jean-Marc Turmes)

Das Tams macht Bestandsaufnahme mit "Das Haus verliert nix"

Von Sabine Leucht

Was für ein herrliches Bühnenbild! Ein riesiges Lagerregal zerschneidet den Zuschauerraum des Tams in zwei Dreiecke. Was in der Gemeinschaftsarbeit von Katharina Schmidt, Claudia Karpfinger, Michele Lorenzini und Lorenz Seib aufbewahrt ist, könnte auch unsereins im Keller horten. Zum Beispiel ausgeblichene Schirme oder eine Perückensammlung, die an schrillere oder finsterere Tage gemahnt.

In "Das Haus verliert nix - eine Bestandsaufnahme" werden anlässlich des Jubeljahres des Theaters am Sozialamt 50 Jahre Tams-Gedächtnis reaktiviert. Und weil da Schauspieler zwingend dazugehören, sitzen zwei von ihnen mit im Regal. An Uralt-Fernsprechern führen Sophie Wendt und Helmut Dauner mit offenbar ein und demselben unhörbaren Anrufer leicht unterschiedliche Rumpf-Gespräche. Er reagiert darauf eher mit "hmhm, ja, ja doch", sie geringfügig beredter. Mit ihren strubbeligen Schöpfen und dem farbenfrohen Outfashioned-Look erinnern die beiden ein wenig an Peter Hewitts "Borger". Als insektenemsige Sachwalter des geordneten Chaos klettern sie in Kartons, ziehen Taucherbrillen auf oder lassen sich launige Satzfundstücke auf der Zunge zergehen. Anders als die Gegenstände stammen die Worte nicht aus vergangenen Aufführungen, sondern laut Regisseur und Tams-Ko-Leiter Lorenz Seib aus einer Sammlung, die während der Proben entstanden ist: "Jede*r Beteiligte (inklusive Ausstattung und Assistenz) hat zu jeder Probe einen Text mitgebracht, der ihn oder sie beschäftigt und im weitesten Sinne mit dem Sammeln, dem Aufbewahren oder dem Sich-Aneignen von Dingen zu tun hat. Erst anschließend haben wir Objekte im Fundus und im Lager gesucht, die mit diesem Text eine assoziative Verbindung hatten." Das, was man nun sieht, ist also organisch und demokratisch gewachsen. Das, was man hört, stammt unter anderem von George Tabori, Herta Müller, Georg Kreisler, Peter Handke, Ernst Jandl oder aus Improvisationen. Wer mag, kann sich also auf literarische Spurensuche begeben und herauszufinden versuchen, wessen Sätze Sophie Wendt an die rote Wärmflasche richtet - ist es die aus "Schlimmes Ende"? - und Dauner an den schönen bunten Schuh. Miteinander sprechen die beiden selten. Und als schließlich zwischen vielen langen Pausen doch noch eine Art Dialog entsteht, hat das einen spleenigen Zauber. Wobei man nie genau weiß, ob es nicht die Dinge selbst sind, die sich hier über den Umweg über die Menschen Gehör verschaffen: Der kleine Porzellanvogel, der Mops, die Winkekatze oder der große Karton ... Manche von ihnen machen sich auch ganz ohne Worte selbständig: Hier blubbert eine Macchina los, und es riecht nach Espresso, dort winkt ein plüschiges Tierkostüm mit dem Schwanz - und der legendäre Tams-Zeppelin fährt am Drahtseil unter einem Regalboden entlang.

Diese kleine Spurensuche macht verstrichene Zeit sichtbar und da, wo der magische Akt des Wiedererkennens gelingt, sogleich wieder vergessen. Was der Abend nicht hat, ist eine Entwicklung oder gar ein Ziel; nichts vertieft sich oder spitzt sich zu. Er funktioniert ein bisschen so wie das alles mit allem verknüpfende Hirn eines Träumenden. Für die Kurzstrecke geht das durchaus in Ordnung. Und manch einem Zuschauer, der den zurückliegenden Lockdown für eine Inventarisierung seines materiellen und emotionalen Speichers genutzt hat, könnte ein Déjà-vu blühen. Obwohl: So etwas wie "einäugige Einhörner, nackte Igel, eine Zündschnur, ein schwarzes Loch" und "ein Hundeleben" gibt es in dieser Zusammenstellung wohl nur im Tams.

Das Haus verliert nix. Eine Bestandsaufnahme, Vorstellungen bis 14. Nov., Mi. bis Fr., 20.30 Uhr

© SZ vom 21.10.2020
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