Kritik:Familienporträt

Im "Theater... und so fort" inszeniert Petra Wintersteller die Uraufführung ihres Dramas "Wildnis" selbst: Traditionell, aber überzeugend.

Von Rosanna Großmann, München

Das neue Stück im vollbesetzten "Theater... und so fort" startet mit einem lauten Knall, einem wahrhaft cholerischen Getöse. Vater und Sohn, das sind der Hias Moser, gespielt vom Theaterleiter Heiko Dietz höchstselbst, und Kolja Heiß in der Rolle des erwachsenen Sohnes Ludwig: Sie schreien, sie prügeln, bis der Hias die alte Pistole aus dem Schlafzimmer holt. "Wildnis" spielt im Trudering der 1960er Jahre. Der Krieg ist vorbei, doch in den Köpfen der Rückkehrer poltergeistert er noch immer umher. Vater Moser hat nicht nur die alte Waffe, sondern auch ein ordentliches Trauma mitgebracht, als er aus der Gefangenschaft entlassen wurde. Eigentlich bräuchte er eine gründliche Therapie.

Doch der Hias findet ein anderes Ventil: Verbale, psychische und körperliche Gewalt gegen Frau und Sohn. Petra Auer versucht als Mutter Henriette, bewaffnet mit Kittelschürze und Kaffeekanne, die klassische Familie am Leben zu halten. Doch insgeheim flüchtet sie sich in den Kaufrausch. Und dann ist da noch die elfenhafte Lotte Grünninger, die Teresa Sperling mit einer Mischung aus Naivität und Emanzipation spielt und die den Ludwig gern heiraten würde. Wenn dieser es schafft, nicht genauso zu werden wie sein Vater. Autorin und Regisseurin Petra Wintersteller liefert dem nach Theater lechzenden Stammpublikum genau das, was sie wollen: Ein krachendes Drama im schönsten Bairisch.

Allein schon am originalgetreuen Bühnenbild mit Buffetschrank kann man sich nicht sattsehen. Doch die eine Schranktür will nicht so recht schließen, immer wieder stört ihre leichte Öffnung das scheinbare häusliche Idyll. Nein, der Vater wird immer wuider, und diese Wildnis frisst sich durch die Beziehungen, die schon vor dem Krieg bröckelten, nun aber nur noch notdürftig zusammengehalten werden. Endlich mal wieder richtigen Applaus gibt es im kleinen Saal des liebevoll coronakonform gestalteten Theaters. Man fühlt sich willkommen zurück.

© SZ/arga
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