Dem Araber einen Namen geben - "Der Fall Meursault: Eine Gegendarstellung" in den Kammerspielen

Im Jahr 1942 ließ der spätere französische Literaturnobelpreisträger Albert Camus in seinem Roman "Der Fremde" einen Araber von dem Franzosen Meursault ermorden, einen Namen hatte er dem Toten, wie schon der Titel vermuten lässt, nicht gegeben. Der algerische Autor Kamel Daoud hat mehr als 70 Jahre später in seinem Roman "Der Fall Meursault: Eine Gegendarstellung" das Geschehen am algerischen Mittelmeerstrand aus der Perspektive des arabischen Opfers dargestellt, ihm eine Familie und eine Geschichte gegeben. Auch deswegen wurde der Roman 2013 zum Bestseller, weil Daoud dabei den Spagat zwischen Islam- und Eurozentrismuskritik bewältigte.

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani hat den Roman nun als Tiefenbohrung in das kulturelle und soziale Geflecht inszeniert, in dem der Mord an Musa, wie der Fremde hier heißt, passiert. Inmitten einer orientalischen Teppich-Landschaft auf der Bühne spürt der Regisseur dem Leid der Familie nach. Die dauertrauernde Mutter im schwarzen Tschador, der jüngere Bruder, der an den Kammerspielen von drei Schauspielern als Kind, junger und alter Mann gezeigt wird und dazwischen: Glaubenszwänge, verletzte Ehre und ein zweiter Mord. Einfühlsames und erhellendes Erzähltheater sagen die Kritiker dazu, das mitunter aber ein wenig belehrend und allzu sehr um politische Korrektheit bemüht daherkommt.

Nächste Aufführungen in den Kammerspielen München, Kammer 1: Montag, 31. Oktober 20:00 Uhr; Mittwoch, 9. November 20:00 Uhr

28. Oktober 2016, 17:492016-10-28 17:49:29 © SZ.de/ebri