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Theater:Da steht ein Mensch

Nicola Mastroberardino erhält den Kurt-Meisel-Preis

Von Egbert Tholl

Der Regisseur Simon Stone sitzt am Meer. Das Meer rauscht. Stone wirkt wie ein Seher aus antiker Zeit, er berichtet, wie er einen Menschen traf. Trigorin aus Tschechows "Möwe", meist eher ein larmoyanter Popanz, entstand vor seinen Augen, als Michael Wächter damals am Theater Basel vorsprach. Nun wusste der Seher, wie er Tschechow ins Heute holen konnte, er tat es auch mit den "Drei Schwestern", die erst in Basel und dann am Münchner Residenztheater zu sehen waren und sind. Michael Wächter spielt darin mit. Und erhielt nun den Kurt-Meisel-Förderpreis des Vereins der Freunde des Residenztheaters. Lustigerweise kriegt Wächter, egal wie lange schon im Geschäft, immer Förderpreise, doch der Seher blickt freudig voraus auf den Moment, an dem der fabelhafte Kerl dem Nachwuchs entwachsen sein wird. Jessas, was soll da noch kommen. Hoffentlich jedenfalls verliert er darüber nicht sein Erzkomödiantentum.

Das gilt für alle hier: Zwei Förderpreise, dank einer Wirtschaftsprüferfirma dotiert mit je 3000 Euro, ein Hauptpreis mit 5000. Doch Nicola Mastroberardino reicht die Hälfte. 2500 Euro gibt er dem Verein zurück, der sich dafür einsetzt, dass junge Leute ohne Geld ins Theater gehen können, und der in den vergangenen Monaten rund 30 000 Euro aufbrachte, mit denen freie Mitarbeiter des Residenztheaters ein bisschen besser über die Corona-Runden kommen. Denn wer etwa als Statist oder Videomensch in einer durch Corona verunmöglichten Produktion mitgemacht hätte, kriegt nichts oder nur sehr wenig vom Kulturstaat Bayern. Auch darf das Resi Gäste, die zwar engagiert waren, aber nicht arbeiten konnten, nicht so ohne weiteres aus dem eigenen Etat bezahlen. Also helfen die Freunde. Und denen hilft Mastroberardino, auch ein fabelhafter Komiker und entzückender Mensch, der in Ulrich Rasches "Woyzeck"-Inszenierung den Woyzeck spielt, deshalb hält Rasche selbst die Laudatio, anders als Stone auf der Bühne des Residenztheaters und nicht per Video. Also auch ohne Meeresrauschen.

Rasche sagt einen wundervollen Satz. Mastroberardino sei der Grund gewesen, weshalb er "Woyzeck" inszenieren wollte und konnte. Ansonsten merkt man, dass er gerade an Kleists "Erdbeben in Chili" arbeitet, sein Kopf ist voller Kleist, allerdings verfertigt er seine Gedanken nicht allmählich beim Reden, sondern weiß schon vorher, was er voller Liebe zum Dasein dieses Schauspielers sagen will.

200 Freunde des Resi sind im Resi zugelassen, zwischen den Filmen und Laudationes machen Kollegen der Preisträger lustige Sachen, Juliane Köhler gratuliert voller Liebe der Förderpreisträgerin Liliane Amuat, mit der zusammen sie in "Lulu" spielt. Auch der Kunstminister Sibler grüßt per Video, dankt dem Verein, dass der (an Stelle des Ministeriums) den Resi-Gastarbeitern hilft und hofft auf einen Neustart, bei dessen Ermöglichung man ihm nicht im Wege stehen will.

© SZ vom 20.07.2020

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