Theater:Lilienthal stellt die Kammerspiele auf den Kopf - was sagt das Publikum?

Lesezeit: 4 min

Theater: Dies ist ein Konzert in den Kammerspielen. Einen syrischen Popstar wie Omar Souleyman auftreten zu lassen, gehört für Matthias Lilienthal auch zu den Aufgaben des Theaters.

Dies ist ein Konzert in den Kammerspielen. Einen syrischen Popstar wie Omar Souleyman auftreten zu lassen, gehört für Matthias Lilienthal auch zu den Aufgaben des Theaters.

(Foto: Sebastian Hohmann)

Wer sind diese Leute, die Abend für Abend in den Rängen sitzen? Ärgern sie sich wirklich? Oder ist alles gar nicht so wild?

Von Christiane Lutz

Schon an den Garderoben ist der Lärm zu hören. Der gilt dem syrischen Popstar Omar Souleyman, der am Freitag vor einer Woche ein Konzert in den Kammerspielen gibt. Im Publikum: sehr viele Syrer, ein paar Afrikaner, ein paar Deutsche. Die Syrer stürmen schon während des dritten Songs tanzend die Bühne, man hat Mühe, sie wieder runter zu bugsieren. Hosam Karbotly ist einer von ihnen. Er ist 22, Student aus Damaskus und lebt seit acht Monaten in Deutschland. Wer Matthias Lilienthal ist, weiß er nicht. Was die Kammerspiele sind, auch nicht. Aber sie müssen ein guter Ort sein, wenn sie seinen Star holen. Ein guter Ort, wenn hier Menschen vor Freude auf samtüberzogenen Sitze steigen dürfen. Er hat so Heimweh.

Theater muss sich verändern. Dass Veränderung mühsam ist, kann man an den Kammerspielen beobachten, wo Intendant Matthias Lilienthal und das Publikum gleichermaßen mit der Neuausrichtung des Hauses ringen. Eine kürzlich geplatzte Premiere von Julien Gosselins "Unterwerfung/Plattform" und die Kündigungen der Schauspielerinnen Brigitte Hobmeier, Anna Drexler und Katja Bürkle verstärkten Unverständnis und Enttäuschung - wahrscheinlich auf beiden Seiten. Wer aber ist dieses Publikum, das Abend für Abend in den Rängen sitzt? Ärgert es sich wirklich? Oder ist alles gar nicht so wild?

Wer sich eine Weile an den Kammerspielen herumtreibt und mit den Zuschauern redet, lernt besser verstehen - beide: die Zuschauer und Lilienthal. Vielleicht hat der Syrer Hosam Karbotly mehr Recht mit seiner Beschreibung der Kammerspiele, als ihm bewusst ist. Das Theater ist für Matthias Lilienthal zu allererst ein Ort. Ein Ort der Begegnung, des angstfreien Ausprobierens und der gesellschaftlichen Verantwortung. Konzerte, Diskussionsabende, Performances und Projekte für Flüchtlinge gehören für ihn genauso zum Theater wie schön gesprochener Schiller. Und wenn er glaubt, angesichts der Realität dieser Stadt die Menschen mit einem syrischen Popstar erreichen zu können, dann holt er eben den syrischen Popstar. Ein paar Tage später hätte ja Gosselins "Unterwerfung/Plattform" stattfinden sollen, ein Text, der die Islamisierung Frankreichs thematisiert. Omar Souleymans Konzert war als Kommentar dazu gedacht.

Mittwoch, 16. November, "Nichts von euch auf Erden" in der Kammer 2, die Adaption eines komplexen Romans von Reinhard Jirgl. Etwa hundert Zuschauer sind da, nach der Pause noch etwas mehr als die Hälfte. Nebenan im Schauspielhaus ist die Bude voll bei "Ekzem Homo" mit Gerhard Polt. Ein Relikt aus Johan-Simons-Tagen. Julia Jordà-Stoppelhaar weiß davon nichts. Sie hat nie einen anderen Kammerspiele-Intendanten als Lilienthal erlebt. "Ich sauge hier alles auf wie ein Schwamm", sagt die Dramaturgiestudentin, die einmal pro Woche kommt. "Lilienthals Vorstellung von Theater hat mehr mit dem zu tun, was mich am Theater interessiert." Politik, soziale Verantwortung, neue Theaterformen. "Am Resi war ich zweimal. Ich habe das Gefühl, alles schon zu kennen, was da läuft. Es ist doch schön, dass sich das Theater verändert. Lilienthal darf machen, worauf er Bock hat, dafür wurde er ja geholt." Eine Einschränkung macht sie: Worauf er Bock hat - so lang die Zuschauer das Programm annehmen und die Zahlen einigermaßen stimmen.

Die stimmen. Zumindest noch. Lilienthal erreichte in seinem ersten Jahr 153 000 Besucher bei 659 Vorstellungen - das sind mehr als Vorgänger Johan Simons in seinem ersten Jahr, allerdings hat Lilienthal auch 139 Veranstaltungen mehr angeboten. Zu Beginn der Spielzeit 2016/2017 jedoch sank die Auslastung auf etwa 60 Prozent, 18 Prozent der Abos wurden gekündigt. Frust und Freude aber lassen sich natürlich nur bedingt in Zahlen messen.

Der Vorsitzende des Fördervereins der Kammerspiele Peter Haslacher nennt die derzeitige Situation an den Kammerspielen "entsetzlich" und beklagt die Kündigungen von Hobmeier, Drexler und Bürkle. Drei extrem starke Schauspielerinnen, die nicht mehr daran glauben, sich in Lilienthals Theateruniversum weiterentwickeln zu können. Mehrfach habe er versucht, klar zu machen, dass das Zentrum der Kammerspiele doch immer schon der Schauspieler gewesen sei. "Aber Herr Lilienthal sieht das wohl anders." Dabei stört sich Haslacher überhaupt nicht an der Neuausrichtung: Konzerte, Flüchtlingsarbeit alles schön und gut, aber dann solle doch das gebotene Sprechtheater eine entsprechende Qualität haben.

SZ Forum zum Konzertsaal im Künstlerhaus am Lenbachplatz

Das Theater ist für Matthias Lilienthal zu allererst ein Ort. Ein Ort der Begegnung, des angstfreien Ausprobierens und der gesellschaftlichen Verantwortung.

(Foto: Florian Peljak)

In Lilienthals Theater spielt der schön sprechende Schauspieler tatsächlich keine alles überragende Rolle, sonst hätte er sensibler auf die emotionale Bindung des Publikums zu seinen geliebten Künstlern geachtet. Er unterscheidet aber nicht zwischen Schauspielern und Performern. Er macht überhaupt wenig Unterschiede zwischen Menschen. Er duzt jeden, lässt sich duzen und teilt sich lieber ein winziges Büro mit seiner Assistentin, statt im dafür vorgesehenen Intendanten-Office zu residieren. Vielleicht ist es so: Die meisten Theatergänger wissen gern, was sie bekommen. Provokation darf für viele nur im definierten Rahmen einer Inszenierung stattfinden, innerhalb des traditionellen Theatersystems.

Dann kann man sich ärgern, hinausstürmen und seinen Mantel an der Garderobe abholen. Und jetzt kommt einer, der an der Garderobe Ladestationen für Smartphones einrichten ließ. Bei dem die Überforderung nicht mehr nur auf der Bühne passiert, sondern schon beim Durchforsten des Spielplans und in der großen Frage: Was soll Theater eigentlich sein? Lilienthal möchte neue Zuschauergruppen ansprechen, ohne die alten zu vergraulen. Neue Formen ausprobieren, sich neuen Aufgaben annehmen, ohne auf Bewährtes komplett zu verzichten. Dass das nicht ohne Reibung gelingen kann, ist normal. Er wird noch Zeit brauchen.

Donnerstag, 17. November, "The Re'Search". In der ausverkauften Kammer 3 jubelt man einer erleichterten Brigitte Hobmeier zu. Von der Debatte nach deren Kündigung hat Renate Weißmüller nichts mitbekommen. Die 76-Jährige ist seit 1975 Abonnentin an den Kammerspielen und am Residenztheater. "Die Kammerspiele waren schon immer schwieriger", sagt sie. Ob der Intendant nun Lilienthal oder Simons heißt, ist ihr nicht wichtig. "Selbst wenn mir ein Abend nicht gefällt, hab ich mich ja doch damit beschäftigt. Besser als Fernsehen."

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