bedeckt München 22°

Theater:Am Puls der Zeit

Schultheater kann relevant sein, beweist das Festival in der Pasinger Fabrik. Menschsein und Menschenwürde sind die Themen

Von Jutta Czeguhn, Pasing

"Etwas Besseres als den Tod finden wir überall." Der Satz, den sich Carl Zuckmayer für seinen "Hauptmann von Köpenick" von den "Bremer Stadtmusikanten" geborgt hat, kommt am Ende in vielen Sprachen über die Rampe. Da stehen die Darsteller ganz vorne am Bühnenrand und blicken über das Publikum hinweg in die Scheinwerfer. Premiere für das Ensemble der Integrativen Montessori-Volksschule Balanstraße beim 35. Schultheaterfestival in der Pasinger Fabrik. Ganz wörtlich kann man von einer tollen "Ensembleleistung" sprechen, denn nahezu jeder der jungen Akteure auf der kleinen Bühne schlüpft im Verlauf des Stücks einmal in die Rolle - respektive den verschlissenen Soldatenmantel - von Schuster Wilhelm Voigt, der sich als entlassener Zuchthäusler in einer schier aussichtslosen Lage befindet: keine Arbeit, weil kein Pass, kein Pass, weil keine Arbeit.

Noch nicht einmal in der 35-jährigen Geschichte des Schultheaterfestivals, wird man später hören, stand Zuckmayers "deutsches Märchen" auf dem Spielplan. Womöglich aber ist es das Stück der Stunde. "Keine Papiere zu haben - viele Menschen in unserem Land wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben, nicht in dieser Situation zu sein", sagte nach der viel beklatschten Premiere Christine Fink, die Spielleiterin der Integrativen Montessori-Volksschule. Flüchtlinge, die arbeiten möchten, aber nicht die nötigen Papiere vorweisen können. Wie behält das Individuum, gefangen in den Mühlen einer gleichgültigen Bürokratie, seine Würde? Den Kopf oben halten wie der schlaue Schuster? Viele Gedanken, Fragen, mit denen die Montessori-Schüler ihr Publikum am zweiten Festival-Tag in die Mittagspause schickten.

Zeit für einen Kaffee mit Festival-Chef Reinhard Kapfhammer von der Kinder- und Jugendkulturwerkstatt. 35 Jahre Münchner Schultheaterfestival, davon 25 in der Pasinger Fabrik, die an diesem Tag noch mehr brummt als sonst schon. Überall Jungschauspieler, die einen, aufgekratzt, haben ihren Auftritt schon hinter sich, andere mitten drin in diesem schönschrecklichen Gefühl, dem Lampenfieber. Auch Lehrer, Eltern, nicht minder aufgeregt, schwirren herum, die jungen Reporter der Festivalredaktion sind ausgeschwärmt zu Interviews, mit denen sie ihren Blog füttern. Reinhard Kapfhammer scheint in diesem Bienenstock die Ruhe zu bewahren. Er wirkt zufrieden, was den Jahrgang 2018 angeht: 15 Stücke von insgesamt 14 Schulen und dem außerschulischen Projekt "TheaterSpielHaus" sind heuer dabei, die Jury hat unter 23 Bewerbungen auswählen können. Das Programm bildet nun die ganze Bandbreite der Theaterarbeit ab, die an Münchens Grundschulen, Volks- und Realschulen, Gymnasien und Berufsschulen mit enormen Engagement, zum Teil außerhalb der Unterrichtszeit, an Wochenenden und in den Ferien einstudiert wird. Da gibt es an den drei Tagen in der Fabrik klassische Stoffe wie Zuckmayers Hauptmann, Schillers Räuber oder Goethes Faust, die jedoch von den jungen Ensembles für ihr Weltbegreifen in ihrer Sprache adaptiert werden. Figurentheater ist zu sehen und Eigenproduktionen, die - teils sprichwörtlich - Kommentare zur Zeit sind.

"Vielleicht irgendwo" ist so ein Stück, mit dem das private Lehrinstitut Derksen am ersten Festivaltag nach dem Vorhang noch lange Diskussionen provozierte. Max Kuttkat und Niklas Pötzsch erzählen in dieser Produktion - entstanden im P-Seminar "Theater mit Geflüchteten" - die authentische Geschichte einer Abschiebung. Das Spiel ist ernst, keine Fiktion, entsprechend berührt war das Publikum.

Ganz am Puls der Zeit war auch die Theatergruppe der Grundschule Lincolnstraße, die eine kurze Geschichte der Zeit erzählte. Sehr poetisch ist diese Parabel aufgeschrieben von Spielleiter Wolf Stahl. Vor der Zeit, sagt da der kleine Erzähler Samuel mit fester, ruhiger Stimme, sei der Mensch noch Mensch gewesen, "nirgendwo ein Ticken". Paradiesisch war das Leben ohne Uhren, innere wie äußere, Glück war Glück, Schmerz war Schmerz. Die Diktatur der Zeit aber, man ahnt es, bricht brüllend und marschierend herein in diese einfache Welt, natürlich als extraterrestrisches Phänomen, das allen erst einmal Uhren wie Handschellen an die Gelenke schnallt. "Tick, Tack, Tick", stampfen die neuen Herren und bekommen Szenenapplaus, der nur noch getoppt wird vom Beifall am Schluss, nachdem - damit schließt sich an diesem Festivaltag in der Fabrik der Kreis - die Tiere die Anarchie übten und aufbrachen in die Freiheit wie die Bremer Stadtmusikanten.

Näheres zur Veranstaltung unter www.schultheaterfestival.de.

© SZ vom 22.03.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB