bedeckt München

"The Omniversal Earkestra":Klangforschung in Afrika

The Omniversal Earkestra

Hat sich in den Sound Malis versenkt und ist angekommen: Die Bigband The Omniversal Earkestra.

(Foto: Trikont)

"The Omniversal Earkestra" belebt Popmusik aus dem Mali der Siebzigerjahre wieder.

Von Christian Jooß-Bernau

Auf der Weltkarte der Popmusik ist Mali lange schon keine Terra Incognita mehr. Heute ist es beispielsweise Bassekou Kouyaté als moderner Vertreter der Griot-Kultur, dessen Musik in die Welt strahlt. Und es sind auf der anderen Seite des musikalisch-kulturellen Spektrums Tuareg-Rocker wie Tamikrest oder Tinariwen, deren E-Gitarren-Kampf-Attitüde aus Image und Sound zum Pop-Exportartikel wurde. Westliche Pop-Stars wie Damon Albarn haben mit Kooperationen das Potenzial des Landes genutzt, das Festival au Désert bündelte seit 2001 über Jahre Vielfalt der Region und fand zuletzt in Berlin statt, weil in Nord-Mali die Lage zwischen Separatisten, Dschihadisten und malischer Armee zu gefährlich war. Seit August 2020 bestimmt eine Militätjunta die Geschicke des Landes, eine Übergangsregierung soll seit 5. Oktober das Land in die Zukunft führen.

Während die noch auf sich warten lässt, erinnert eine Berliner Big Band an die glorreiche Vergangenheit, deren musikalische Bodenschätze noch lange nicht umfassend erschlossen sind. The Omniversal Earkestra veröffentlichen ihr Album "Le Mali 70" bei Trikont - auf CD und Vinyl. Das passt, denn bei dem Münchner Label guckt man traditionell, was an den Rändern des Popbewusstseins passiert. Und nicht selten stößt man so auf treibende Kräfte, die den Sound weltweit formen. Die Musik auf diesem Album, sie hat eine tänzerische Eleganz wie Muhammad Ali - und einen Punch, der einen im Wimpernzucken trifft und 50 Jahre zurückkatapultiert.

Damals war Salif Keïta Lead-Sänger der Rail Band, bevor er zu den Konkurrenten der Super Ambassadeurs wechselte. Die Rail Band traf man vorzugsweise im Station Hotel in Bamako. Ihre Musik reichte hinab in die Tradition der Mandinka und brachte sie zusammen mit dem Instrumentarium einer Rockband plus Bläsersektion. Die Rail Band war Leuchtturm einer Szene in der Gruppen wie Mystère Jazz de Tombouctou, L'Orchestre Kanaga de Mopti oder Super Bitons de Ségou Mali zum Klingen brachten. Das Earkestra, das seit Jahren immer Montags auf Berliner Bühnen spielt, hat sich in den Sound versenkt und ist angekommen. Auch geografisch. Es wird einen Film geben, der die Band auf ihrer Reise durch Mali zeigt. Fertig ist er noch nicht, aber schon die Rohfassung ist ein nervenvibrierender Trip über staubige Straßen, über Märkte, hinein in Hinterhöfe in denen die alten Helden leben, sitzen, erzählen, spielen. Als Zuschauer rückt man dieser Musik auf den Schoß.

In Berlin hatte das Earkestra damit begonnen, Platten abzuhören, Bläsersätze zu notieren. Und kam an seine Grenzen. Zählt man diese organischen Rhythmen als 6/8-Takt oder doch als 4/4? Das ist von einer Finesse, die man jenseits des Hilfskonstrukts notierter Noten fühlen muss, um tight zu spielen. Und trotz aller Proben ist es eigentlich unmöglich ein Musikgefühl über die historische Distanz wiederzubeleben.

Die sechs Wochen 2019 in Mali ändern das. In dieser Welt wird ein brummender Gitarrenverstärker geerdet, indem man den Bühnenboden aufgräbt, ein Kabel hineinsteckt und es aus einer Teekanne mit Wasser begießt. Es funktioniert. Ohne Personenschäden. Die Jungs des Earkestras kommen als Bewunderer, als staunend Neugierige - und treffen auf Künstler, die von der Wertschätzung, die ihre Musik erfährt, beglückt sind. Und plötzlich das: Ausgerechnet als Salif Keïta die Band besucht, um mit ihnen zu singen, kommt es zur Affäre um den Beat der Clave, einer rhythmischen Orientierungshilfe, die es so auch in der kubanischen Musik gibt, die, nebenbei, den Mali-Sound beeinflusst hat. Unmöglich, findet Keïtas Begleiter Cheick Tidiane Seck, ebenfalls ein verehrter Musiker der Mali-Szene, den Eingriff des Earkestras in den Originalrhythmus. Betroffene Gesichter. Keïta lässt sich die Nummer vorspielen. Dann spricht er: "Das ist Jazz." Die Band verstehe es eben auf diese Weise: "Gratulation!". Auf dem Album singt Keïta nun noch einmal "Badiala Malé", den ersten Song, den er damals auch mit der Rail Band spielte. In diesem Moment ist er Zeremonienmeister und sein Geheimnis nicht mehr im musikalischem Können zu ergründen, sondern voll als Präsenz spürbar.

© SZ vom 30.11.2020/van
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema