The Dome 50:Lauter, bitte!

Das Schlimmste ist, dass sie Scooter lieben: Beim größten regelmäßigen Musikevent Europas kann man einiges über Teenager lernen. Und zwar nicht nur Schönes. Ein Konzertbesuch.

Sarina Pfauth

Joko, der Moderator, pustet ins Mikrofon. "Tschuldigung, ich habe Blähungen". Zuvor hatte Joko Winterscheidt schon verkündet, dass er bei der After-Show-Party die estnische Sängerin Kerli abschleppen wolle und die Black Eyed Peas gefragt, ob sie Obazd'n und Brot für typisch deutsch hielten. Taten sie nicht. Seine Co-Moderatorin Mirjam Weichselbraun hakte investigativ nach: Was denn sonst? "Schöne Mädchen". Aha.

The Dome 50: Ernteten Zugabe-Rufe: Scooter bei The Dome 50.

Ernteten Zugabe-Rufe: Scooter bei The Dome 50.

(Foto: Foto: Getty)

Damit waren dann auch schon beinahe alle wesentlichen Dinge des Abends gesagt. Herzlich Willkommen zum RTL II-Musikevent The Dome, 50. Ausgabe. 10.000 quietschende Teenager in der Olympiahalle, Privatfernsehen in seinen buntesten Farben.

Seit 12 Jahren tingelt das - nach eigenen Angaben - größte regelmäßige europäische Musikevent durch deutsche und österreichische Hallen. Auf der Bühne stehen Bands, die einen Hit in den Charts gelandet haben. Eintagsfliegen, aber auch Dauerbrenner wie Jeannette, die zum 17. Mal da ist ("Vielleicht steh ich irgendwann mit dem Krückstock hier"). Im Publikum stehen vor allem elf- bis 17-jährige Mädchen und Mütter und Väter, denen die Verzweiflung über ihr Schicksal, dieses vierstündige Spektakel erleben zu müssen, ins Gesicht geschrieben steht. Außerdem findet man hier noch eine relativ große Anzahl an biertrinkenden Männern Ende 30, die einen Großteil ihrer Freizeit sehr offensichtlich in der Mucki-Bude verbringen.

Was Jugendliche bewegt

Vier Mal im Jahr findet das Musikevent statt, 19 Lastwagen bringen dann jedes Mal 46 Tonnen Lichttechnik in eine Halle. An einem Dome-Abend sind 400 Leute damit beschäftigt, die Show am Laufen zu halten. "The Dome" ist kein gewöhnliches Konzert, es "ist eine Plattform, durch die Künstler medial vermarktet werden", wie Christopher Gersten, Managing Director bei Universal Music sagt, "und zwar eine der letzten". RTL II erreicht pro Sendung etwa 1,2 Millionen Zuschauer. Die Marke The Dome wird aber auch crossmedial genutzt: Außer im TV gibt es The Dome auch im Internet, als Zeitschrift, als CD. Ein Event, tausend Möglichkeiten.

"The Dome", sagt die Projektleiterin Mariella Morawetz, "gibt regelmäßig einen Rückblick darauf, was die Jugendlichen in Deutschland in den vergangenen drei Monaten bewegt hat." Sie hat recht, man kann an diesem Abend einiges lernen über die Jugend von heute: Dass die Teenies die Black Eyed Peas lieben, zum Beispiel. Das kann man am Kreisch-Pegel erkennen. Für das Innenohr ist der Auftritt der US-Superstars deshalb eine Zumutung. Für die Haarzellen darin muss das ungefähr so sein, wie wenn eine Herde Wildschweine durch ein Maisfeld rennt. Alles platt.

Außerdem erkennt man an den Buh-Rufen, dass Annemarie aus "Deutschland sucht den Superstar" wohl nicht gerade als Sympathieträgerin aus der Sendung hervorgegangen ist. Und sehr viele Jugendliche DSDS gucken. Und dann bekommt man noch die nicht eben erstaunliche - wenn man im Publikum sitzt aber immer noch erschreckende Erkenntnis -, dass die Jungen und Mädchen vor allem auf eines abfahren: Lärm.

Was die Kids an The Dome lieben

Gleich die erste Band gibt schon einen guten Eindruck davon, wie The Dome funktioniert: Mando Diao aus Schweden sind gekommen. Sie spielen ihren Hit "Dance with somebody", mit dem sie auch schon die Wetten-dass-Zuschauer beglückt haben. Gute Musik, keine Frage, aber es ist ein bisschen schwierig, sich in der Olympiahalle auf das Lied zu konzentrieren: 620 Scheinwerfer und 220 computergesteuerte Moving Lights bieten eine gigantische Lichtshow, auf den drei riesigen Leinwände hinter der Band blinkt und blitzt es und dazu geben die Pyrotechniker alles: Eine Flut von Reizen, das ist The Dome.

Lauter, bunter, wilder

Und die Kids lieben dieses Konzept: Je lauter, je bunter, je wilder, desto besser. Und das erklärt auch, warum Scooter, inzwischen zum 18. Mal bei The Dome dabei, immer noch gut ankommen bei den Teenagern. Scooter haben einen Medley aus ihren Einpeitscher-Songs ("Hyper Hyper", "Maria I like it loud") gemixt und eine ordentliche Portion Feuerwerk plus vier sehr knapp bekleidete Damen auf die Bühne bestellt. Das reicht schon, um die Halle zum Kochen zu bringen. Vor Scooter standen schon Reamonn, Cassandra Steen und Queensberry auf der Bühne. Aber Scooter ist der erste und einzige Act, der Zugabe-Rufe erntet.

Zum 50. Dome hat RTL II auch noch ein paar andere Bands eingeladen, die schon vor DSDS und Popstars auf dem Markt waren: Die norwegische Band A-ha und die Pet Shop Boys ("Go West"), beide versuchen sich gerade an einem Revival.

So viele ältere Herren auf der "The Dome"-Bühne? Die Journalisten wundern sich im Vorfeld ein bisschen über das Line-up. Aber Daniela Geissler von RTL II, die "The Dome" miterfunden hat, findet: "A-ha und die Pet Shop Boys haben eine aktuelle Single, die in den Charts vertreten ist - damit haben sie eine absolute Daseinsberechtigung." Die beiden Bands rocken die Halle dann aber trotz Daseinsberechtigung nicht. Warum? Ganz einfach: Sie waren nicht laut genug.

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