Es ist wohl die naheliegendste Idee, aus einem erfolgreichen Film ein Musical zu machen. Manchmal beschleicht einen sogar der Verdacht, den Produzenten der größeren Shows fällt gar nichts anderes mehr ein, als Hollywood-Epen auf die Bühne zu quetschen. Kurz zur Erinnerung: Im Deutschen Theater liefen zuletzt „Ghost“, „Saturday Night Fever“ und „Pretty Woman“, und bald kehrt „Sister Act“ zurück. Höhepunkt dieser „Kino, live gespielt, getanzt und gesungen“-Reihe ist nun „The Bodyguard – The Musical“. Das soulige Romantical mit Thriller-Action und den großen Hits von Whitney Houston gastierte 2019 schon einmal in München, und ist nun auf Englisch als „das Original vom Londoner Westend“ auf Tournee.
Dass einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 1992, den in Deutschland sechs Millionen Besucher sahen, mit dem erfolgreichsten Film-Soundtrack der Geschichte, der 45 Millionen Käufer fand, zum gewinnbringenden Musical, das vier Millionen Menschen in 15 Ländern gesehen haben, umgebastelt wird, erscheint zwangsläufig. Aber es war ein erstaunlich langer Weg für den Film, das Stück und seine Darsteller.
Das fängt bei der Ur-Idee an, die Lawrence Kasdan bereits 1975 hatte: Der Drehbuschschreiber aus Florida hatte schon vor 50 Jahren diesen archaischen Leibwächter im Sinn, „diesen bestimmten Typ Held, den ich als Autor liebe“, wie er sagte, „jemand, der sein Leben für einen Gehaltsscheck aufs Spiel setzt“. Die Hollywood-Produzenten liebten die Story weniger, 67 Mal wurde das Buch abgelehnt. Und Kasdan musste erst ein paar der erfolgreichsten Filme der Kinogeschichte schreiben, wie „Indiana Jones“ und die „Star Wars“-Teile zwei, drei und vier, ehe das längst vergessene Drehbuch 1992 das Projektorlicht erblickte.
Bei den Darstellern war es nicht weniger zäh. Für die Star-Sängerin Whitney Houston war „The Bodyguard“ das Leinwand-Debüt, aber auch nur, weil Barbra Streisand und Diana Ross für die Rolle der von einem Stalker verfolgten Pop-Diva Rachel Marron nicht zur Verfügung standen. Und die Rolle ihres Beschützers, des Ex-Geheimdienstmanns Frank Farmer, hatte Kasdan noch Steve McQueen auf den Leib geschrieben. Was dazu führte, dass Kevin Costner mit oller McQueen-Frisur spielen musste.

Erst 2012 hatte dann das Musical in London Premiere, immerhin zahlte sich der lange Vorlauf aus: Das geraffte Script stammt von Oscar-Preisträger Alexander Dinelaris („The Revenant“), die akrobatischen Tanzeinlagen von der Laurence-Oliver-Award-Gewinnerin Karen Bruce. Das Stück bringt 16 Houston-Hits unter, einige mehr als der Film, ohne es zu überfrachten; es ist mehr wie Sprechtheater in Kamera-Optik; gesungen wird nur, wenn es im Stück opulente Konzert-Szenen, Proben oder intime Familienfeiern erfordern.
Auch der Weg der beiden aktuellen Hauptdarsteller in das Musical ist alles andere als geradlinig. Mit Adam Garcia ist tatsächlich ein echter Hollywood-Star auf der Theaterbühne dabei, zuletzt in London und nun auch in München. Der Australier ist ein Multitalent. Zunächst spielte er in kleinen Theatern und tingelte mit einer Steptanz-Live-Show „Hot Shoe Shuffles“ nach England. Er wollte aber nicht „der ulkige Steptänzer“ bleiben, wollte ernsthaft Theater spielen und finanzierte sich das Künstlerleben mit Filmjobs. „Ironischerweise“, wie er sagt, ging er nach Australien zurück, um den Tanzfilm „Bootmen“ zu drehen. Es war sein Einstieg in die Film-Welt, der ihm als männlich „heißer“ Hauptdarsteller im New-York-Bar-Film „Coyote Ugly“ ersten Ruhm einbrachte. Seitdem habe er wirklich Glück, zwischen Film (zuletzt die Krimi-Neuauflage „Tod auf dem Nil“), Theater, TV-Promi-Tanz-Shows und sogar als zweifach für den Olivier-Award nominierter Darsteller in Musicals „herumspringen“ zu dürfen.

„Meine größte schauspielerische Leistung“, sagt Sidonie Smith, seine Bühnenpartnerin in „The Bodyguard“, „ist es, so zu tun, als ob dieser Mann nicht singen oder tanzen kann“. Die Rolle des Disco-Tänzers Tony Manero in „Saturday Night Fever“ am Westend 1998 passte weit besser zu ihm. Als Frank Farmer ist er ein steifer Bewacher. Hauptaufgabe: „Wie eine Statue“ dabeistehen und ernst schauen. Auch wenn er innerlich oft rhythmisch zucke, wie Garcia sagt, seine absolute Lieblingsnummer sei „I Wanna Dance With Somebody“: „Da muss ich auf der Stelle tanzen, wo immer ich es höre.“ Nur eben auf der Bühne nicht.
Auf der Bühne muss sich Garcia höchst unmusikalisch geben. Das kommt am besten in der legendären Karaoke-Szene zum Ausdruck. Leibwächter und bewachter Leib flirten da verbotenerweise miteinander. Und wer auf den Subtext achtet, was Garcia und Smith gleichermaßen wichtig ist in dieser zunächst etwas schlicht erscheinenden Romanze, werde bemerken, dass Frank Farmer „ein Thema mit Intimität habe“. Jedenfalls führt eine Wette dazu, dass beide singen müssen, die Diva schmachtet ihn mit „I have nothing“ an, er eiert mit einem „I will always love you“ herum, am Ende landen sie im Bett, was alles nun ziemlich kompliziert macht.


Spielerisch gelingt das leicht, finden beide. Die Chemie stimmt: „Jede Kompanie sollte einen Adam Garcia haben“, sagt sie. Er wird etwas deutlicher: „Es ist nicht schwer, sich in jemanden mit Sidonies Stimme zu verlieben, sie ist schön und elegant, und das auch hinter den Kulissen.“ Dabei wären Sidonie Smith’ Talente dem Publikum fast verborgen geblieben.
Sie wuchs in Miami auf, nicht in einer Künstlerfamilie, aber ihre Mutter brachte sie in die Klavierstunden und an eine kunstaffine Schule. Sidonie wollte in die Theaterklasse, aber die Mutter meinte, sie sei zu schüchtern dafür: „Mach Musik. Da bekommt jeder seinen Part.“ Smith studierte dann Geige und Bratsche an der Uni, spielte pflichtschuldig in Orchestern, aber gab den Theatertraum nicht auf: Nach dem Bachelor belegte sie Schauspielkurse, den entscheidenden aufgrund des Tipps einer Musicalsängerin im bayerischen Kiefersfelden. Sie blieb in Deutschland, studierte an der Joop van Ende Academy in Hamburg und wurde zu einer viel gebuchten Hauptdarstellerin in Klassikern wie „West Side Story“, „Sister Act“, „Cabaret“, „Chicago“ (in Augsburg), „Tarzan“ und auch schon bei „The Bodyguard“ in Stuttgart.
Jetzt hat sie wieder die doppelt einschüchternde Aufgabe, den größten Soul-Pop-Star der Welt zu spielen, der eine Pop-Diva spielt. Aber obwohl sie die „fantastisch geschriebenen“ und gesungen Nummern wie „One Moment in Time“ beeindruckend meistert, geht es ihr natürlich nie darum, Whitney Houston zu sein. Es ist vielmehr die Rolle, die sie reizt, sagt Sidonie Smith. Rachel sei eine Frau der Extreme, eine alleinerziehende Mutter, konkurriere mit ihrer Schwester und werde immer softer und verletzlicher. „Und das ist es, was ich am Theater so liebe: Auch wenn es öffentlich ist, ist es so intim, weil man sich wirklich mit allen auf der Bühne verbindet.“
The Bodyguard – The Musical, Mittwoch, 17. Dezember, bis 4. Januar, München, Deutsches Theater

