Süddeutsche Zeitung

Thalkirchen:Wie Inklusion bei einem Münchner Kletterverein gelebt wird

  • Seit zehn Jahren gibt es den Verein "Ich will da rauf" in Thalkirchen.
  • Er hat fünf Kindergruppen, sieben mit Jugendlichen und Erwachsenen und eine mit Familien aufgebaut.
  • Bislang ist der Kletterverein, in dem Inklusion im Mittelpunkt steht, einzigartig in Deutschland.

Von Renate Winkler-Schlang, Thalkirchen

"Ich will da rauf", das ist der schöne Name für eine schöne Idee: Der Verein, abgekürzt IWDR, bietet inklusive Kletterkurse an. Gemeinsam mit Gesunden meistern Menschen mit psychischen Problemen, chronischen Krankheiten oder Behinderungen die sportlichen Herausforderungen, werden Freunde, erzählt Projektleiterin Katrin Eisenhofer auf der Terrasse der Kletterhalle Thalkirchen.

Drinnen, an der Wand, kann man auf den ersten Blick nicht erkennen, wer gesund ist und wer nicht: Sie sichern sich gegenseitig am Seil, spornen sich an, sind hoch konzentriert. Seit zehn Jahren besteht der Verein; er hat fünf Kindergruppen, sieben mit Jugendlichen und Erwachsenen und eine mit Familien aufgebaut. Und: Er ist bisher einzigartig in Deutschland.

"Weil wir sehen, was entstehen kann", sagt Katrin Eisenhofer zu dem Ziel, die Idee nun in die Republik hinauszutragen. Sie will als "Inklusionsbotschafterin" Öffentlichkeitsarbeit machen für dieses Miteinander. Der Verein will seine Sicherheitskonzepte weiterentwickeln, noch ausführlicher dokumentieren und anderen zur Verfügung stellen. Er hat vor, alles, was die Aktiven erarbeitet und optimiert haben, über ein "Social Franchise System" zur Verfügung zu stellen, damit Aktive in anderen deutschen Städten von ihren Erfahrungen profitieren und ohne Reibungsverluste dem Vorbild folgen können: "Wir suchen Leute, die unsere Vision teilen."

Viele Preise und Auszeichnungen hat IWDR schon eingeheimst und viele Menschen und auch Stiftungen haben gespendet, damit der Verein etwa den Kindern und Jugendlichen die Schuhe und Gurte zur Verfügung stellen kann, die Beiträge niedrig bleiben und auch mal ein Gruppenausflug möglich ist. Doch für eine solche "Mission", die das Projekt bundesweit zu einem wirklich nachhaltigen macht, braucht es festes Personal, das geht nicht ehrenamtlich.

In der Geschäftsstelle an der Baaderstraße koordinieren drei Teilzeitmitarbeiterinnen alles; die ehrenamtliche Leitung haben Stefan Milbert und Fritz Denninger übernommen. Sicherheit bekommt der Verein derzeit durch die Skala-Initiative von Susanne Klatten, nach der Liste des US-Magazins Forbes die "reichste Frau Deutschlands". Ihre Initiative fördert bundesweit etwa 100 gemeinnützige Organisationen mit insgesamt rund 100 Millionen Euro. Unterstützt werden "ausschließlich Organisationen, die nachweislich eine große soziale Wirkung erzielen". Mit dabei zu sein, kommt für den Verein IWDR einem Ritterschlag gleich - und es verpflichtet.

2016 habe der Verein schon kurz vor dem Aus gestanden, erzählt Eisenhofer, es mussten Stellen gestrichen, das Büro untervermietet werden. "Dann kam Skala." Rund 130 000 Euro im Jahr, die Förderung läuft bis zum Jahr 2020. Damit können sie nun arbeiten. Sie treten aber auch an Unternehmen heran, denn Klettern eigne sich ausgezeichnet als inklusiver Betriebssport: "Wer zusammen klettern kann, kann auch zusammen arbeiten."

"Man soll sich immer Ziele setzen"

Bei inklusiven Kletterevents könne man Behinderungen simulieren, etwa durch Wegbinden eines Armes oder eine Augenbinde - und so Menschen sensibilisieren für Handicaps ihrer Kollegen. Eisenhofer berät Vereine, die einen Kletterbereich einrichten oder ihren bereits bestehenden inklusiv gestalten wollen. Masterstudenten am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität liefern derzeit den theoretischen Unterbau mit einer Untersuchung über das Potenzial, das Klettern für die Inklusion besitzt.

Diesen Kontakt hat Eisenhofer hergestellt, denn auch sie hat Soziologie studiert und schon einiges aufgeschrieben zur Theorie der Inklusion und auch zur "barrierefreien" Sprache. Die 37-Jährige weiß, wovon sie spricht, denn auch ihr hat "therapeutisches Klettern" einst bei einer Diagnose geholfen.

Darum ist es ihr auch so wichtig, zu zeigen, wie schön all die Theorie in der Praxis funktioniert - auch dank engagierter, langjähriger Trainer wie Manfred Bauer und ehrenamtlicher Helfer wie Evi Schäfer-Löbl, die sagt, hier gehe ihr immer das Herz auf. Sie betreuen eine Kindergruppe. Das geht schon beim Einkleiden los. "Ist das ein Zweiergurt?" Julian, 9, Lars, 13, Elena, die bald 13 wird, Vanessa 15, Juno, 14, schaffen es irgendwie, die richtigen Dinge aus den richtigen Truhen zu holen. "Hier interessiert es einfach keinen, wer eine Behinderung hat. Und dieses Miteinander bietet allen die Chance, ,normal' zu werden", sagt der Trainer.

"Man soll sich immer Ziele setzen", sagt eines der Mädchen - und wählt sich eine besonders anspruchsvolle Route aus. "Ein gesteckter Achterknoten ist das sicherste", weiß Juno. Lars, der unten so müde wirkte, ist schon längst ganz oben angekommen. "Unterschiedliches Niveau geht hier wunderbar zusammen", sagt der Trainer. Jeder profitiere hier "von den Zehen bis in die Fingerspitzen" für sein Körpergefühl, seine Stärke, sein Selbstbewusstsein.

Im Erwachsenenkurs sprechen Ursel und Joachim, Anna, Franzi, Juli und Sonja über das Vertrauen, das man beim Klettern brauche, in sich selbst und in andere, die unten das Seil sichern - auch dies eine wichtige Lehre fürs Leben. Und zu sehen, dass andere einem vertrauen, baue auf. Das Schöne hier sei das Fehlen jeglichen Leistungsdrucks: "Es gibt kein Du musst."

Eine Mutter erzählt, sie sei eigentlich nicht wegen ihres behinderten Sohnes gekommen, sondern wegen der Tochter, die immer mehr darunter gelitten habe, wie herablassend manche ihren Bruder behandeln. Hier konnte sie, die von den Mitmenschen so enttäuscht war, im wahrsten Sinn "über sich hinauswachsen" und sich wieder öffnen. Inzwischen macht die ganze Familie mit. Katrin Eisenhofer schaut zu, nickt, lächelt. Sie ist sichtlich stolz auf ihren Verein "Ich will da rauf."

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SZ vom 02.10.2018/vewo
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