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Textilindustrie:Doch kein Samt aus der Au

Seidenraupenzucht in Schwerin

Eine Seidenraupe auf einem Gestell mit Kokons.

(Foto: Grit Büttner/dpa)

Im 17. Jahrhundert ging eine Seidenfabrik an Streit und fehlendem Know-how zugrunde

Von Jakob Wetzel

Es war die bleierne Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Das Umland war verheert, der Handel zusammengebrochen. München lag darnieder, wie es weiterging, wusste niemand. Da schenkte Kurfürst Ferdinand Maria, genannt "der Friedfertige", auch außergewöhnlichen Ideen Gehör - und so kam München - genauer: die damals eigenständige Au - vorübergehend gar zu einer eigenen Seidenfabrik.

Johann Joachim Becher hatte diese Idee an den Kurfürsten herangetragen. Becher war eine schillernde Figur, ein Mann, der vor Ideen sprühte, man könnte auch sagen: ein Träumer. Der Arzt beschäftigte sich mit Staatstheorie, formulierte etwa eine Art von Grundrechte-Katalog, träumte von einer Weltsprache, von Mühlen, die in stehendem Gewässer funktionieren, und von einem Perpetuum mobile. Zugleich aber war Becher Merkantilist. Sein Ziel war die wirtschaftliche Unabhängigkeit: Rohstoffe sollten in seinen Augen bevorzugt aus dem eigenen Land bezogen, Importe mit Zöllen verteuert werden.

Im Jahr 1664 stellte er Ferdinand Maria seine Ideen vor. Er sprach von Strumpf- und Seidenbandmühlen, von Samt, Damast und Plüsch made in Bayern. Ferdinand Maria war begeistert. 1665 genehmigte er den Betrieb von Bechers neu gegründeter Seiden-Gesellschaft, im selben Jahr verbot er die Einfuhr auswärtiger Seidenwaren. Wer es doch wagte, der musste 1000 Reichstaler bezahlen, die Ware wurde konfisziert.

Für die Auer Seidenfabrik waren die Startbedingungen also vielversprechend - nur ging das Projekt nicht recht voran. Nach einem Jahr waren die Teilhaber der Gesellschaft heillos zerstritten, Becher hatte genug, er zog nach Wien, wurde dort "Kaiserlicher Kommerzienrat" und machte sich dort mit Erfolg an ein neues Seidenprojekt. Sein Nachfolger in München schoss erst einmal 32 000 Gulden Privatkapital zu, zusätzlich beteiligten sich Stiftungen, ein Berchtesgadener Graf, ein Münchner Verwalter, der Bürgermeister von Landshut und auch der Kurfürst. Technischer Direktor wurde ein gewisser Lucas van Uffele aus Venedig. 1669 begannen die Bauarbeiten für das "Seidenhaus" an der heutigen Lilienstraße in der Au.

Doch spätestens jetzt bemerkten die Münchner, dass sie nicht so genau wussten, wie die Seidenproduktion eigentlich funktioniert. Besonders das Färben der Stoffe gab ihnen Rätsel auf. Eilig warben sie um Fachkräfte in Venedig und Lyon - in Frankreich allerdings ohne Erfolg, im Gegenteil, die Münchner Boten wurden wegen Wirtschaftsspionage verhaftet und eingesperrt. Doch auch in München ging es heiß her: Van Uffele wurde vorgeworfen, das Geld der Gesellschaft zu veruntreuen. Die Gläubiger drohten, van Uffele floh, aber kaum hatte er das vermeintlich rettende Augsburg erreicht, wurde er verhaftet und nach München zurückgebracht. Dort wurde er sechseinhalb Jahre lang ohne Prozess oder Anklage in den Falkenturm gesperrt, eines der damaligen Gefängnisse. Erst 1676 kam er - weil unschuldig - wieder auf freien Fuß. Da war die Seidenfabrik längst pleite und aufgelöst, bevor sie überhaupt richtig den Betrieb aufgenommen hatte. Am Ort des Abenteuers ließ Ferdinand Marias Sohn Max II. Emanuel ab 1680 Uniformröcke für die bayerische Armee produzieren.

© SZ vom 23.09.2015

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