Mit der „Hightech Agenda Bayern“ samt dem „Spitzenprofessurenprogramm“ als Kernstück hatten und haben Ministerpräsident Markus Söder und Wissenschafts- und Kunstminister Markus Blume wohl vor allem Themen wie Raumfahrt und KI im Sinn. Weil es aber sonst nicht gut ausgesehen hätte, profitieren alle drei Hochschularten davon, also auch die Kunsthochschulen. Und so kommt nun auch das Jazz-Institut der Hochschule für Musik und Theater München in den Genuss einer als Gastprofessur angelegten Spitzenprofessur.
Die von der Institutsleitung gefundene Besetzung dieses Postens sorgt nun zumindest in Jazz-Kreisen buchstäblich für einen Paukenschlag: Die amerikanische Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington wird in den kommenden drei Jahren blockweise und Projekt-bezogen Münchner Jazz-Studierende unterrichten.
Zwar ist Carrington erst 60, sie kann aber bereits auf eine 50-jährige professionelle Karriere zurückblicken. Denn die Enkelin des Schlagzeugers Matt Carrington (der unter anderem bei Fats Waller spielte) und Tochter des Saxofonisten Sonny Carrington (unter anderem für James Brown) galt als Wunderkind und hatte schon mit zehn Jahren ihren ersten großen Auftritt mit Clark Terry beim Wichita Jazz Festival. Im Jahr darauf bekam sie von den von ihr begeisterten Gründern des Berklee College of Music – der weltweit wichtigsten Kaderschmiede des Jazz – Alma und Lawrence Berk ein unbefristetes volles Stipendium. Zunächst besuchte sie das College einmal die Woche nach der Schule, nach der Highschool studierte sie dann Vollzeit. Und sie blieb ihrer Alma Mater stets verbunden: Inzwischen ist sie seit 20 Jahren Dozentin in Berklee.
Bekannter ist Carrington aber natürlich als eine der wichtigsten, innovativsten und umtriebigsten Schlagzeugerinnen der internationalen Szene. Mit 16 legte sie ihr Debütalbum vor, auf dem bereits Stars wie Kenny Barron, Buster Williams und George Coleman mitspielten. Inzwischen ist ihr Schaffen auf gut 50 Alben dokumentiert, darunter 14 eigenen. Zwei ihrer Alben erschienen Anfang der 2000er-Jahre auf dem damals noch rein Münchner Act-Label. Die Liste der Musiker, mit denen sie spielte, ist ein Who-Is-Who des Jazz, von Stan Getz, David Sanborn, Herbie Hancock, Al Jarreau oder Wayne Shorter bis zu Carlos Santana und Joni Mitchell. Vier Grammys hat sie gewonnen, sie spielte in der Fernsehband der Arsenio Hall Show, hatte ihr eigenes Label Sonic Portraits und arbeitete auch als Produzentin, unter anderem für Gino Vanelli und Dianne Reeves.
Sie engagiert sich für Gleichberechtigung im Jazz
Seit Langem engagiert sich Carrington für die Gleichberechtigung im Jazz, zuletzt explizit mit Frauenprojekten wie „Sing The Truth“ (mit Angélique Kidjo, Cécile McLorin Salvant und Lizz Wright) oder ihrer „Mosaic Project“-Tour (unter anderem mit Helen Sung, Tineke Postma und China Moses). Folgerichtig lautet die Widmung ihrer Spitzenprofessur auch: „Künstlerische Innovation und Geschlechtergerechtigkeit im Jazz“.
Was aber will sie den Studierenden von ihrer immensen Erfahrung konkret vermitteln? „Es geht um das, was gebraucht wird und wobei ich dienlich sein kann. Am Ende läuft es auf die gemeinsamen Projekte von mir und den Studenten heraus. Ich denke, wir werden uns ein paar großartige Ideen ausdenken.“ Die Lehre ist eine ihrer Leidenschaften: „Leute, die unterrichten, kümmern sich um die nächste Generation. Sie wissen, dass es der einzige Weg ist, wie wir überleben und gedeihen können. Indem das patriarchalische Wissen an alle weitergegeben wird, die es aufnehmen und damit arbeiten können. Das ist sehr erfüllend, wissen Sie, genauso erfüllend wie Konzerte spielen. Außerdem lernt man so viel beim Unterrichten. Es ist ein Austausch.“
Claus Reichstaller, der Leiter des Jazz-Instituts, hatte Carrington schon lange im Auge. „Wir haben uns 2014 bei der Jazzwoche in Burghausen kennengelernt. Sie hat als Artist in Residence zusammen mit mir den ‚Jazz Masters Workshop‘ geleitet, und wir haben dann auch zusammen beim Abschlusskonzert musiziert. Das war der Beginn einer musikalischen Freundschaft.“ Schon vor Jahren haben dann Reichstaller und Camilo Dornier – ein großer Förderer des Jazz-Instituts, der selbst in Berklee studiert hat – Carrington in Boston besucht und die grundsätzliche Bereitschaft abgeklopft.
In München wird sie auch als Musikerin zu erleben sein
Für die Hochschule sind es mehrere Aspekte, die gerade diese Berufung so attraktiv machen. Einmal natürlich das Renommee, das so ein großer Name mitbringt und das die internationalen Kooperationen des Jazz-Instituts mit Berklee sowie Institutionen in der Mongolei, Israel und Brasilien noch einmal erweitert. Dann die pädagogische Kompetenz Carringtons. „Ihre Erfahrung, speziell mit der Förderung von Geschlechtergerechtigkeit, wird ein Katalysator für die Weiterentwicklung unseres Jazz Instituts und unserer Hochschule sein“, sagt HMTM-Präsidentin Lydia Grün. Und schließlich der interdisziplinäre Ansatz, den die Projekte haben werden. „Terri Lyne hat schon mit Tänzern, Theatern und Literaten gearbeitet. Das wollen wir hier auch machen, auch mit anderen Musik-Genres. Und darauf sind die Studierenden auch ganz scharf“, betont Reichstaller.
Übrigens werden nicht nur die Hochschule und die Studierenden, sondern alle Münchner Jazzfreunde von Carringtons Berufung profitieren: Im Juli wird sie beim schon traditionellen Jazz-Abend der Hochschule in der Isarphilharmonie mit von der Partie sein, sozusagen als Antrittskonzert. Und dann wird es in jedem Jahr zu den Projekten ein öffentliches Abschlusskonzert geben.

