Lange war es bei Teresa Reichl unentschieden, was sie werden würde. Sie studierte seit 2015 in Regensburg Deutsch und Englisch auf Lehramt, gleichzeitig trat sie immer öfter auf Poetry Slams auf, schon 2016 war sie bayerische U20-Meisterin. 2021 machte sie ihr Staatsexamen, aber da hatte die Bühne das Rennen schon gewonnen: Zu erfolgreich war Reichl mit dem wahrheitsgemäß betitelten Debütprogramm „Obacht, i kann wos“.
Und so haben bayerische Kinder bestimmt eine tolle Lehrerin verloren, dafür hat die Allgemeinheit eine herausragend witzige und aufklärerische Comedienne gewonnen. Aufklärerisch nicht zuletzt deshalb, weil die 29-jährige Niederbayerin sich dezidiert mit queeren und feministischen Themen beschäftigt. In einer Zeit, da nicht nur in den USA eine antiquiert restaurative Anti-„Wokeness“-Bewegung Auftrieb hat, kann man da schon mal in Resignation verfallen.
Reichls Panzer dagegen ist Freundschaft. Zu ihrer Partnerin, zu ihren Katzen und zu einem Freundinnen-Zirkel, der seit dem Studium besteht. „Wir treffen uns regelmäßig zum Basteln. Fünf Mädels, die sich sozusagen zur Stamm-Couch statt am Stammtisch treffen. Jede hat ihr eigenes Zeug dabei, ich zum Beispiel mach meine Gel-Nägel, eine hat was zum Sticken dabei, die andere was zum Häkeln. Alle zusammen machen wir seit einiger Zeit auch Freundschaftsarmbänder.“
In gewisser Weise war es ein Glücksfall, dass man seinerzeit auch für ein Deutsch- und Englisch-Lehramtsstudium das Latinum brauchte. So nämlich lernten sich die fünf kennen. „Der Latein-Kurs hat uns zusammengeschweißt“, erzählt Reichl. Und so studierte man gemeinsam und unternahm viel gemeinsam. Als es danach mit den Jobs losging, merkten sie, dass es schwieriger wurde, sich zu treffen – „vor allem bei mir, weil ich immer arbeiten muss, wenn alle anderen frei haben“, wie Reichl anmerkt. Also kam man darauf, dass Teresa alle ihre freien Abende in die Gruppe schreibt. „Dann wird wann und wo abgestimmt, wir treffen uns, bestellen uns was zum Essen und werkeln los.“

Ursprünglich war nur an Reden gedacht, aber „dann musste eine nebenbei Socken zu Ende stricken, ich hab meine Nägel gemacht, und das Ganze hat eine Eigendynamik entwickelt.“ Selbst noch beim Treffen an ihrem Geburtstag: „Da lag auch ein Lego-Set rum und ein Puzzle. Man kann sich einfach beschäftigen, während man sich unterhält.“ Zehnjähriges feiert der Freundinnen-Zirkel heuer, und inzwischen steht er auch für das Prinzip Hoffnung: „Da kann los sein, was will, es kann es uns noch so dreckig gehen, wir können da einfach eine Stunde zusammensitzen und auch mal nicht reden. Niemand muss performen, keiner muss gut drauf sein. Die Hände sind beschäftigt, und damit ist auch der Kopf mit etwas beschäftigt, das nichts mit dem Weltgeschehen zu tun hat. Man kann einfach sein. Und jedem geht es danach besser als vorher.“
Seit dem vergangenen Jahr steht auch eine andere, gut dazu passende Bastelei hoch im Kurs: Freundschaftsarmbänder. „Das war ja mit der Taylor-Swift-Tournee ein riesiger Hype“, erinnert sich Reichl. „Jede hat da Bänder auf die Konzerte mitgebracht, das fand ich wirklich süß. Ich bin jetzt kein richtiger Swiftie, aber ich mag Frauen, die zusammenhalten. Und das mit den Bändchen hat sich übertragen. Tatsächlich bekomme ich inzwischen bei meinen Auftritten von Leuten aus dem Publikum Armbänder geschenkt. Da steht zum Beispiel ‚Obacht i kann wos‘ oder ‚Make it classy‘ drauf, also die Titel meines ersten Programms und meines ersten Buchs. Das ist komplett irre.“
Mittlerweile hat Reichl das Anwendungsprinzip noch erweitert. „Ich habe sehr viele Pflanzen. Jetzt mache ich Bänder als Kettchen für sie, wo der Name draufsteht, den ich ihnen gegeben habe.“ Und auch für Tiere funktioniert es: „Wir haben einen Kater, der heißt ‚Captain Hook‘. Also hat meine Freundin ein Bändchen, auch dem Captain steht, und ich eines auf dem ‚Hook‘ steht. So haben wir ihn beide immer dabei.“ Wenn das nicht Anregungen sind für eigene hoffnungsvolle Basteleien.
In der SZ-Serie „Ein Stück Hoffnung“ empfehlen Künstler aus München und Bayern Werke, die sie optimistisch stimmen.

